Naturschutzbund: Nabu-Landesvorsitzender: „Naturschützer sind nicht die Feinde der Jäger“

Naturschutzbund: Nabu-Landesvorsitzender: „Naturschützer sind nicht die Feinde der Jäger“

Nabu-Landesvorsitzender Josef Tumbrinck kritisiert das neue Jagdgesetz. Er befürchtet die Zunahme illegaler Abschüsse.

Herr Tumbrinck, Sie führen mehr als 85 000 Naturschützer an Rhein und Ruhr an. Was sagen Sie zum neuen NRW-Jagdgesetz?

Josef Tumbrinck: Die Novellierung ist eine Rückabwicklung des NRW-Jagdgesetzes, das der ehemalige NRW-Umweltminister Johannes Remmel (Grüne) umgesetzt hat. Nun sind keine Kompromisse vonseiten der Jägerschaft zugelassen worden. Die Arbeit, die die rot-grüne Vorgänger-Regierung gemacht hat, war in den Augen vieler Jäger Mist. CDU und FDP haben jetzt ihre Wahlversprechen zugunsten der Jägerschaft eingelöst.

Was stört Sie als Naturschützer am meisten?

Tumbrinck: Das neue Jagdgesetz ist ideologisch geprägt und basiert in weiten Teilen weder auf ökologischen noch wildbiologischen Erkenntnissen, sondern ist eine Rückkehr zu alten Zeiten. Es sollen möglichst viele Tiere wieder in den jagdrechtlichen Tierkatalog aufgenommen werden. Auch Greifvögel sollen darin wieder aufgelistet werden. Doch warum? Die Jägerschaft begründet diesen Schritt damit, dass sie ihre Hegepflicht ausweiten möchte, sprich sich um mehr Tierbestände kümmern will. Ich habe jedoch noch nie einen Jäger gesehen, der etwa für Wanderfalken einen Schornstein hochsteigt, um dort nach dem Rechten zu sehen. Die Aufnahme von Greifvögeln, Fischottern und Wildkatzen in den jagdrechtlichen Tierkatalog ist falsch. Sie stellt ein Einfallstor für illegale Abschüsse und Vergiftungen von streng geschützten Tieren dar.

Ein Dauerstreitthema ist der Umgang mit dem Fuchs.

Tumbrinck: Ja, das stimmt. Nach Meinung der Jäger gefährdet er immens die Bestände von Bodenbrütern. Beispielsweise 30 Prozent zerstörter Kiebitz-Gelege sollen auf die Rechnung des Fuchses gehen. Mit der Jagd in Naturbauten wollen sie ihm Herr werden. Doch das muss nicht sein. Eine Studie im Münsterland hat gezeigt, dass nicht der Fuchs den Kiebitzen am meisten schadet, sondern die intensive Landwirtschaftsnutzung. Kiebitz-Nester wurden vor Ort identifiziert. Um sie herum wurde in einem Umkreis von einem Hektar eine Schutzzone eingerichtet, wo keine Landwirtschaft betrieben werden darf. Trotz Verlusten durch den Fuchs gibt es wieder Kiebitznachwuchs.

In Niedersachsen haben sich die ersten Wolfsrudel gebildet. Die Jägerschaft will das Raubtier willkommen heißen. Allerdings macht sie darauf aufmerksam, dass im Falle einer Überpopulation der Wolf ebenfalls bejagt werden müsse. . .

Tumbrinck: Ich verstehe diese Aussage als eine Kampfansage an uns Naturschützer. Der Wolf, der in Deutschland ausgerottet war, gehört nicht in den jagdrechtlichen Tierkatalog. Wölfe, die Haustiere reißen und auffällig sind, müssen nach klaren, deutschlandweit gültigen Kriterien auf Grundlage des Naturschutzgesetzes bzw. Ordnungsrechtes entnommen werden. Die Behauptung der Landesjägerschaft, dass der Wolf primär Jagd auf Haustiere macht, ist schlicht falsch. Es gibt in Deutschland etwa 800 Wölfe. Damit diese satt werden, hätten bundesweit mehrere 10 000 Haustiere gerissen werden müssen.

Ist der Naturschützer der natürliche Feind des Jägers?

Tumbrinck: Nein (lacht). Wir finden nur, dass durch die Novellierung des Gesetzes das Pendel wieder in einem extremen Maß ausschlägt. Unter Remmel mussten die Jäger viele Kompromisse eingehen. Nun sind wir an der Reihe. Es wäre an der Zeit, dass das Pendel mal die Mitte hält und alle Beteiligten ihr Gesicht wahren. Ich denke, dass dies nur möglich ist, wenn eine andere Generation von Jägern ans Ruder kommt, die die Emotionalität bei Debatten hinten anstellt.