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Mord: USA bangen um ihre „Märtyrerin“

Mord: USA bangen um ihre „Märtyrerin“

Verurteilung einer Studentin belastet die Beziehungen zu Italien.

Washington. Seit Monaten zieht der spektakuläre Fall um die Ermordung einer britischen Austauschstudentin, die im italienischen Perugia angeblich von ihrer US-Kommilitonin Amanda Knox erstochen wurde, die Amerikaner in seinen Bann.

Nun droht ein transatlantisches Zerwürfnis. Denn die Verurteilung von Knox hat in den Vereinigten Staaten tiefe Ressentiments gegenüber Italien ausgelöst und Außenministerin Hillary Clinton auf den Plan gerufen. Die politischen Beziehungen zwischen Washington und Rom sind zunehmend belastet.

Während des Prozesses waren fast wöchentlich Sondersendungen über den "Jahrhundertprozess von Perugia" von den größten US-Fernsehstationen ausgestrahlt worden.

In der Nacht zum vergangenen Samstag wurde die 22-jährige Studentin aus Seattle dann von einem Geschworenengericht in Perugia zu 26 Jahren Haft verurteilt. Die Richter sahen es als erwiesen an, dass sie ihre 22-jährige britische Kommilitonin im Drogenrausch brutal ermordete. Ihr 25-jähriger italienischer Ex-Freund Raffaele Sollecito wurde als Mittäter zu 25 Jahren Gefängnis verurteilt.

Knox war nach der Urteilsverkündung mit dem Aufschrei "nein, nein, nein" in Tränen ausgebrochen. "Keiner glaubt mir, ich habe Meredith nicht umgebracht", weinte die Studentin, die während des Prozesses kühl gewirkt hatte und in den Medien auch als "der Engel mit den Eisaugen" bezeichnet worden war.

Fassungslos über das Urteil sind nicht nur Knox’ Eltern, die Berufung einlegen wollen und eine globale Medienkampagne starteten, um die Freilassung ihrer Tochter zu erwirken. Mittlerweile greift auch Senatorin Maria Cantwell aus Knox’ Heimatstaat Washington ins Geschehen ein. "Es handelt sich um einen groben Fehler der italienischen Justiz", schimpfte Cantwell, die sich diese Woche mit Clinton treffen will, um Wege zu besprechen, wie man die Regierung in Rom unter Druck setzen kann.

Wie die Eltern meint auch die Senatorin, dass Amandas Geständnis erzwungen wurde und die DNS-Beweise nicht annähernd ausreichten. In den US-Medien, die fast kein Wort über das Mordopfer verlieren, wird Knox als Bauernopfer dargestellt, dem die übereifrige italienische Boulevardpresse sowie Anti-Amerikanismus in Italien zum Verhängnis wurden.

In den USA hat Knox mittlerweile Kultstatus erreicht und wird von der Öffentlichkeit als Märtyrerin gefeiert. Die Massenmedien wettern gegen Italiens "korrupte Justiz". Mehrere Gemeinden und private Organisationen haben einen Boykott gegen italienische Produkte angekündigt und forderten Präsident Barack Obama auf, die Freilassung der 22-Jährigen zu verlangen oder ansonsten Sanktionen gegen das europäische Partnerland zu verhängen.

Clinton, die die Einzelheiten der Verurteilung nun prüfen will, lässt sich derweil zu keinen voreiligen Schlüssen hinreißen. "Ich treffe mich gern mit Senatorin Cantwell oder anderen, die an dem Urteil Zweifel hegen", sagte sie. Sollte sie sich davon überzeugen können, dass Amanda Knox in der Tat Opfer eines zwielichtigen Staatsanwalts war, der selbst mehrfach im Mittelpunkt strafrechtlicher Ermittlungen stand, dann schließt Clinton nicht aus, auch Italiens Ministerpräsident Silvio Berlusconi einzubeziehen.