„Mit Vollgas in die Vergangenheit“ - Kritik an „Gender-Unfug“-Aufruf

Hitzige Debatte: „Mit Vollgas in die Vergangenheit“ - Kritik an „Gender-Unfug“-Aufruf

Das große Binnen-I, der Gender-Stern - die Methoden für eine geschlechtergerechte Sprache sorgen immer wieder für Streit. Ein neuer Aufruf gegen den „Gender-Unfug“ erhitzt die Gemüter noch mehr.

Ob ein Sternchen mitten im Wort für ausgleichende Gerechtigkeit zwischen Männern und Frauen in der Sprache sorgen kann, ist auch unter Germanisten durchaus umstritten. Beispiel: „Schaffner*innen“. Ein von zahlreichen Vertretern aus Kultur, Politik und Wirtschaft unterzeichneter Aufruf zur Abschaffung der Geschlechtergerechtigkeit in der deutschen Sprache stößt nun aber auf scharfe Kritik in der linguistischen Fachwelt.

Der unter Wissenschaftlern umstrittene Verein Deutsche Sprache (Dortmund) hatte zusammen mit prominenten männlichen und weiblichen Mitstreitern eine Unterschriftenaktion „Schluss mit dem Gender-Unfug“ gestartet. In dem von Sprachkritiker Wolf Schneider entworfenen Text werden unter anderem „lächerliche Sprachgebilde“ wie „die Radfahrenden“, „die Studierenden“ oder sogar „Luftpiratinnen“ und „Idiotinnen“ kritisiert und „als weitere Verrenkung noch der seltsame Gender-Stern“ aufs Korn genommen. Bis Freitagmorgen hatten nach Angaben des Sprachvereins rund 9600 Personen den Aufruf online unterzeichnet.

Wolf Schneider, Journalist und Autor. Foto: dpa/Karlheinz Schindler

Linguistik-Professorin kritisiert Aufruf

„Ich finde, dass sie in ihrer Kritik über das Ziel hinausschießen“, sagte die Freiburger Linguistik-Professorin Helga Kotthoff der Deutschen Presse-Agentur. Es sei nun einmal nachgewiesen, dass ein Text, der sich von oben bis unten um „den Lehrer“ drehe, das Maskuline verstärke. „Es kann uns doch niemand erzählen, dass dann vor dem inneren Auge eine Lehrerin auftaucht“, sagt Kotthoff. „Der Aufruf fördert nur hyperradikales Pro und Contra. Es fehlt jegliche Differenzierung.“

Punktuelle Kritik an bestimmten Methoden, die Sprache geschlechtergerecht zu machen, sei aber richtig, sagte Kotthoff. Denn Texte müssten immer noch lesbar sein. „Das große Binnen-I ist nicht jedermanns und -fraus Sache.“ Man könne da durchaus mal einen Schrägstrich setzen oder von „Lehrpersonen“ schreiben. Der Text dürfe aber dabei nicht sperrig werden. Die absolut gerechte Sprache könne auch nicht am Reißbrett entworfen werden.

Dabei räumt auch Kotthoff ein, dass sie den Unterstrich („Lehrer_innen“) für eine „totale Überfrachtung von Referenzen“ halte. Der Aufruf des Vereins aber wende sich gegen dass Reformbestreben in der Sprache insgesamt - und zeuge von „Verbohrtheit“.

Wolf Schneider findet die Methoden der sprachlichen Geschlechtergerechtigkeit „entsetzlich albern“. „Das ist eine Verhohnepipelung der deutschen Sprache“, sagt er. Mit dem Aufruf hätten die Unterzeichner „eine riesige Mehrheit auf unserer Seite“, sagt er. „Diese Mehrheit war bisher nicht aktiv.“

Dieter Nuhr und Ex-Verfassungschef Hans-Georg Maaßen unterzeichnen Aufruf

Unterzeichner des Aufrufs sind unter anderem der Journalist Kai Diekmann, die Autorinnen Angelika Klüssendorf und Cora Stephan, aber auch Ex-Verfassungschef Hans-Georg Maaßen, die Kabarettisten Dieter Nuhr und Dieter Hallervorden, Bestseller-Autor Rüdiger Safranski sowie Ex-Diplomaten und Ex-Bundesbankdirektoren, Anwälte und Unternehmer.

Für den Linguistik-Professor Anatol Stefanowitsch von der Freien Universität Berlin führt der Aufruf „mit Vollgas zurück in die Vergangenheit“. Unterzeichnet hätten ihn „vorwiegend ältere Herrschaften, die ihre Sprachgewohnheiten verletzt sehen“.

Kritisch sehen die Linguisten aber auch die Richtung des Vereins Deutsche Sprache, der einmal im Jahr den „Sprachpanscher des Jahres“ kürt und gegen Anglizismen in der deutschen Sprache kämpft. Der Verein erwische zwar auch wichtige Kritikpunkte, sagt Kotthoff - etwa die Diskussion, ob man in der Wissenschaft eine englischsprachige „Monokultur“ wolle. „Aber man muss aufpassen, dass man das nicht so deutschtümelnd macht.“

Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch. Foto: dpa/Britta Pedersen

Ihr Berliner Kollege Stefanowitsch wird noch deutlicher: „Der Verein Deutsche Sprache zeigt immer mehr ein reaktionäres Weltbild und sucht Anschluss an rechtspopulistische Diskussionen.“ Er vertrete „deutschlandzentrierte reaktionäre Kulturvorstellungen“. Der Vereinsvorsitzende Walter Krämer weist die Vorwürfe zurück. „Jeder, der Deutsch positiv im Schilde führt, wird automatisch verdächtigt“, sagt er der dpa.

Aufruf

(dpa)
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