Mit dem Hund ins Museum

Mit dem Hund ins Museum

Ein Angebot des Kunstmuseums Bochum erlaubt die Mitnahme von Vierbeinern — der Weg zu ganz neuen Aha-Erlebnissen.

Bochum. „Guck mal Kunst mit Hund“ — dieses Sommer-Angebot des Kunstmuseums Bochum lässt Ideen purzeln. Ist es nicht höchste Zeit, dass mein Hund Lilo mit seinen zweieinhalb Jahren mal was anderes sieht als Wald und Wiese? Wie wäre es da mit Monet statt Reh? Andererseits: Was soll so einem Vierbeiner die Kunst schon bringen, wenn er nicht daran schnüffeln oder Spuren hinterlassen darf?

Diese Fragen führen auf eine falsche Fährte, macht Claudia Posca sogleich klar, als ich mit Lilo anreise und sie mit ihrer Berner Sennenhündin Bijoulina vor dem Kunstmuseum Bochum treffe. Die Kunsthistorikerin und Hundetrainerin sieht sich keineswegs auf den Spuren eines Joseph Beuys, der einst einem toten Hasen die Kunst erklärte.

Und sie möchte auch nicht die Hunde, sondern deren Besitzer für die Kunst begeistern, auch wenn sich beide zusammen auf den Weg machen: Hunde- und Kunstfreunde sollen das Gucken voneinander abgucken und die Ergebnisse im Idealfall in ihren Alltag mitnehmen. Allzu viele sind es diesmal nicht: Bei der Premiere der Hundeführungen gießt es in Strömen, weshalb die anderen angemeldeten Hundebesitzer erst gar nicht erscheinen.

Die Skulpturen im Bochumer Stadtpark stehen aber da wie seit Jahrzehnten — und sie sind das Ziel der Veranstaltung. Claudia Posca ist überzeugt, dass gerade Hundebesitzer das Rüstzeug für die Kunstbetrachtung mitbringen. „Beim ständigen Switchen zwischen meinen Berufen ist mir aufgegangen, wie viele Parallelen es in der Wahrnehmung gibt“, sagt die agile 50-Jährige.

So wie ein Mensch seinen Hund genau beobachtet, um dessen Körpersprache, Bedürfnisse und Befinden zu entschlüsseln, könne man sich auch den Werken nähern — auch wenn die Hemmschwelle gerade bei moderner, abstrakter Kunst oft hoch sei.

„Viele sagen: Was soll das denn?“, weiß Posca aus ihrer Museumspraxis. Dabei gehe es in beiden Fällen erst einmal darum, sein stummes Gegenüber ernst zu nehmen und auch bei Denkmälern Details auf sich wirken zu lassen, an denen man im alltäglichen Einerlei meist achtlos vorübergehe. Tatsächlich wirken die Wucht und erstaunliche Dynamik des tonnenschweren Eisenensembles von Ale Vesel erst, wenn man mal innehält.

Schnüffelspiele mit Hund um die mit neun Metern längste Skulptur herum bauen letzte Berührungsängste ab. Der tschechische Bildhauer, der das Werk beim ersten Bildhauer-Symposium 1979 hier errichtet hat, verweigert eine Interpretation — so hat der Betrachter noch größere Freiheit, aus dem Zusammenspiel der ungeheuren Lasten und der einzigen echten Stütze einen surrealen Mixer oder Saurierhaftes zu lesen. Lilo wundert sich zwar über diesen Spaziergang mit den vielen Stopps, ist aber durchaus interessiert.

Auf dem Weg zu Giuseppe Spagnulos Skulptur „Grande Ruota“ bietet Claudia Posca kleine Übungen und Beobachtungsspiele mit dem Vierbeiner an und rückt ihn zwischendurch wieder in den Mittelpunkt des Interesses.

Auch wenn man es erst albern findet, die Stele des Düsseldorfer Bildhauers Ulrich Rückriem vor dem Museum mit dem Hund im Trab zu umrunden, verhindert das nicht die kleinen Aha-Erlebnisse: Man kommt unweigerlich ganz nah heran an die behauenen und unbehauenen Partien, erkennt sogar zwei Öffnungen in fast sechs Metern Höhe — die Spuren der Sprengung aus dem ursprünglichen Felsblock.

So bietet die Führung mit Claudia Posca tatsächlich einen neuartigen Zugang zur Kunst, der die Augen öffnet. Nur Lilo hätte auch den Gänsen im Park gern mehr Beachtung geschenkt.