Missbrauch auf Campingplatz begann vor mehr als zehn Jahren

Fall Lügde : Missbrauch auf Campingplatz begann vor mehr als zehn Jahren

Nach Angaben des Landgerichts Detmold zählt die Anklageschrift zum Missbrauchsfall Lügde Taten von 1999 bis zum 11. Januar 2019 auf.

Tatorte sind der Campingplatz bei Lügde und ein Haus in Steinheim bei Höxter (alle Orte liegen in Nordrhein-Westfalen). Über 40 Kinder und Jugendliche sind Opfer geworden. Darunter ist ein Pflegekind, das bei dem Hauptverdächtigen auf dem Campingplatz wohnte. Er soll es sexuell missbraucht und als Lockvogel missbraucht haben, um an andere Kinder heranzukommen.

28. Januar 2002: Unter diesem Datum steht in einer Liste der Polizei Lippe zu Sexualdelikten ein Hinweis auf sexuellen Missbrauch eines achtjährigen Mädchens durch den heutigen Hauptbeschuldigten.

2008: Der heutige Hauptverdächtige soll ein achtjähriges Mädchen auf dem Campingplatz missbraucht haben, wie die Ermittlungen ergaben.

August 2016: Hinweise eines Vaters an Polizei, Jugendamt und Kinderschutzbund. Die Polizei schaltet das Jugendamt ein, ermittelt aber nicht. Auch gibt es keinen Hinweis an die Staatsanwaltschaft.

November 2016: Hinweis aus dem Jobcenter Blomberg (NRW), dass Äußerungen des heutigen Hauptverdächtigen auf sexuellen Missbrauch hindeuten könnten. Die Polizei informiert das Jugendamt, ermittelt aber nicht.

Oktober 2018: Hinweis auf sexuellen Missbrauch auf dem Campingplatz Lügde bei der Polizeibehörde im niedersächsischen Bad Pyrmont. Aus dem Landkreis Hameln-Pyrmont stammt das Pflegekind. Die Polizei befragt es.

Dezember 2018: Festnahme des Hauptverdächtigen. Der heute 56-jährige Arbeitslose aus Lügde sitzt seitdem in Untersuchungshaft.

Januar 2019: Weitere Festnahmen. Ein Mann aus Steinheim bei Höxter soll am Missbrauch direkt beteiligt gewesen sein. Im Wechsel mit dem Hauptbeschuldigten soll er gefilmt und Kinder missbraucht haben. Ein Mann aus Stade in Niedersachsen soll Material bestellt und per Webcam-Übertragung Missbrauch beobachtet haben.

30. Januar 2019: Polizei Lippe und Staatsanwaltschaft gehen an die Öffentlichkeit und berichten in einer Pressekonferenz über den Missbrauch von zahlreichen Kindern im Alter zwischen 4 und 13 Jahren.

31. Januar 2019: Die Staatsanwaltschaft Detmold leitet Strafverfahren gegen zwei Polizisten aus Lippe ein. Sie sollen Missbrauchshinweise zwar an Jugendämter weitergegeben, aber nicht ermittelt haben. Das Polizeipräsidium Bielefeld übernimmt wegen der Dimension des Falls auf Anweisung des NRW-Innenministeriums die weiteren Ermittlungen.

Februar 2019: Die Staatsanwaltschaft ermittelt auch gegen Mitarbeiter der Jugendämtern in Lippe und Hameln und will klären, ob Hinweise missachtet wurden. Der Landkreis Hameln-Pyrmont stellt einen Mitarbeiter des Jugendamtes frei, der Akten manipuliert haben soll. Das Jugendamt des Kreises hatte den Hauptverdächtigen, der auf dem Campingplatz Lügde wohnte, als Pflegevater für das Mädchen eingesetzt.

22. Februar 2019: NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) informiert die Öffentlichkeit über den Verlust eines Teils des Beweismaterials bei der Kreispolizei Lippe. Aus einem Raum des Kriminalkommissariats sind ein Alukoffer und eine Hülle mit 155 Datenträgern verschwunden. Ein Sonderermittler untersucht den Verlust. Zwei leitende Polizeibeamte des Kreises Lippe müssen in der Folgezeit ihren Platz räumen.

Ende Februar bis Anfang März 2019: Erneut Durchsuchungen. Auf dem Campingplatz in Lüdge findet ein speziell ausgebildeter Suchhund weitere Datenträger. Auch zwei Wohnungen werden durchsucht.

19. März 2019: Der Landrat des Kreises Hameln-Pyrmont räumt massive Fehler des Jugendamtes Hameln im Jahr 2016 ein. Hinweise auf Pädophilie seien nur vermerkt worden und Konsequenzen ausgeblieben.

9. April 2019: Der Besitzer des Campingplatzes lässt die Parzelle des Hauptbeschuldigten mit schwerem Gerät räumen. Dabei werden in der stark verschachtelten Behausung erneut Datenträger gefunden. Die Polizei begleitet den Abriss am freigegebenen Tatort nicht.

19. April 2019: Laut NRW-Innenministerium haben die Ermittler fünf Millionen Megabyte Daten gesichert. Dabei seien 30 000 Fotos und knapp 11 000 Filme mit Kinder- und Jugendpornografie gefunden worden.

17. Mai 2019: Zwei Anklagen sind zugestellt. Dem Hauptverdächtigen werden 293 Fälle vorgeworfen. Darunter sexueller Missbrauch von Schutzbefohlenen, schwerer sexueller Missbrauch von Kindern sowie der Besitz von Kinderpornografie. Aufgeführt sind 22 minderjährige Opfer. Beim mutmaßlichen Komplizen aus Stade geht es um vier Fälle, bei denen er an Webcam-Übertragungen des Dauercampers teilgenommen haben soll.

29. Mai 2019: Dritte Anklage. Die Staatsanwaltschaft wirft dem zweiten Hauptverdächtigen aus Steinheim in 162 Fällen über 20 Jahre sexuellen und schweren sexuellen Missbrauch von 17 Kindern vor.

29. Mai 2019: Die Anklage gegen den Hauptverdächtigen aus Lügde wird um 5 auf 298 Fälle erweitert. Ein weiteres Opfer wurde ermittelt.

17. Juni 2019: Das Amtsgericht Detmold bestätigt eine vierte Anklage rund um den Missbrauchsfall Lügde. Der Angeschuldigte sei zur Tatzeit noch Jugendlicher gewesen. Deshalb werden keine Details genannt.

19. Juni 2019: Knapp eine Woche vor Start des Prozesses am 27. Juni hat das Landgericht 27 Opfer als Nebenkläger zugelassen.

(dpa)
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