Martje Salje zieht in die kalte Turmstube von St. Lamberti

Martje Salje zieht in die kalte Turmstube von St. Lamberti

In 75 Meter Höhe über Münster wird die neue Türmerin demnächst am Abend ins Horn blasen.

Münster. Spätestens seit dem Münster-Tatort „Mörderspiele“ kennt bundesweit fast jeder die Lamberti-Kirche in Münster. Die Leiche der Studentin Laura Schrott hing am Turm in den berühmten Wiedertäufer-Käfigen, und Kommissar Thiel musste im Münsteraner „Tatort“-Krimi den Täter ermitteln. Die neue Türmerin der Stadt Münster wird ab Januar in direkter Nachbarschaft zu den Käfigen arbeiten. Mit der 33-jährigen Martje Salje übernimmt zum ersten Mal in der Geschichte der Stadt eine Frau diesen Posten. Wenn sie die 75 Meter und 298 Stufen erklommen hat, schaut sie vom höchsten Arbeitsplatz Münsters hinab auf die Westfalen-Metropole.

Ihr Vorgänger hatte 20 Jahre den Posten inne. Er geht Ende des Jahres in den Ruhestand. „Mit der Euphorie wird das schnell enden“, sagte Wolfram Schulz am Mittwoch bei der Vorstellung seiner Nachfolgerin. Salje zeigte sich trotz der Warnung ganz begeistert von ihrer neuen Aufgabe. „Die Einsamkeit und Stille ist genau mein Ding“, sagte die in Bremen geborene Musikerin. Sie muss im neuen Jahr an sechs von sieben Tagen in der Woche dort hinauf, um im 30-Minuten-Takt zwischen 21 und 24 Uhr in ein Horn zu blasen. Außerdem schlägt sie bei besonderen Anlässen die Ratsglocke.

Aber es ist einsam, windig und kalt. „Im Winter wird es nicht wärmer als 14 Grad in der Türmerstube, darauf muss sich Frau Salje einstellen“, warnt Schulz. Der Job hoch oben im Turm geht auf das Jahr 1379 zurück und ist längst eine Touristen-Attraktion. Besonders der geblasene Horn-Ton alle 30 Minuten lässt die Touristen am Abend nach oben schauen. Dabei war diese Tätigkeit ursprünglich eine Art Arbeitsnachweis. Der Türmer blies ins Horn, um den Menschen am Boden zu beweisen, dass er nicht eingeschlafen war. Wenn wirklich Gefahr drohte, schlug er eine Glocke an.

Die Neue im Turm hat sich gegen fünf Frauen und 40 Männer im Bewerbungsverfahren durchgesetzt. Geboren wurde sie in Bremen, zuletzt lebte die Musikwissenschaftlerin in Oldenburg. Verwandtschaft ihres Vaters kommt aus Münster, so dass die sportliche Türmerin einen Bezug zur Stadt hat. Neben der Musik waren ihre Sprachkenntnisse bei der Auswahl entscheidend. Sie spricht Englisch, Französisch und neben Niederländisch auch ein wenig Norwegisch. „Mit dieser Qualifikation war sie einfach die beste aller Bewerber“, sagte eine Vertreterin der Stadt. Die Geschlechter-Quote habe keine Rolle gespielt.

Bezahlt wird der Teilzeit-Job nach einer eher niedrigen Stufe. „Die Finanzen sind da eher etwas für Idealisten. Aber es ist ein sozialversicherungspflichtiger Job mit regulärem Urlaub und einer Vertretung“, erklärt die Stadt. Davon alleine leben kann die Türmerin aber nicht. „Ich bin in Münster auf der Suche nach einem Job als Musikdozentin.“ Instrumente spielt sie mehrere, darunter Klavier, Gitarre und Flöte. Ein Blechblasinstrument war bisher nicht dabei.

Mehr von Westdeutsche Zeitung