Duisburg: Loveparade: Christians Mutter kämpft

Duisburg: Loveparade: Christians Mutter kämpft

Gabi Müller verlor vor knapp sechs Jahren bei der Katastrophe in Duisburg ihren 25-jährigen Sohn. Sie fühlt sich von der Politik und der Justiz allein gelassen.

Düsseldorf. Vor ein paar Tagen bekam Gabi Müller ein dickes Paket von der Justiz. „Ihr Recht in NRW“ lautete der Stempelaufdruck auf dem Umschlag. Das fand die Friseurin aus Hamm ganz besonders zynisch. Wusste sie doch schon vorher, was in der Post ist: Die 460 Seiten, auf denen das Landgericht Duisburg begründete, warum es keinen Strafprozess in Sachen Loveparade geben soll. Gabi Müller ist die Mutter eines der 21 jungen Menschen, die am 24\. Juli 2010 im Gedränge der Duisburger Loveparade zu Tode kamen. Ihr einziger Sohn Christian, damals unterwegs mit ein paar Freunden, starb — mit 25 Jahren. „Er war doch so voller Tatendrang, hatte gerade seinen Weg gefunden, wollte nach Schule und Ausbildung Ökotrophologie studieren“, erzählt sie.

Foto: dpa/Foto rechts: Bildrechte: Müller

Die 58-Jährige wirkt gefasst und doch entschlossen, wie sie da in der Kanzlei ihres Düsseldorfer Rechtsanwalts Julius Reiter sitzt. Als sie ein paar Tage vorher von dem Beschluss des Landgerichts erfuhr, „da war das für mich, als wäre mein Sohn ein zweites Mal gestorben“. Eine Freundin riet ihr, nun nicht mehr allein auf die juristische Aufarbeitung zu vertrauen. Sie meldete sich bei der Online-Plattform Change.org. an, startete eine emotional bewegende Petition, die innerhalb weniger Tage bereits mehr als 55 000 Unterstützer fand.

Gabi Müller ist enttäuscht von der Justiz, aber mindestens ebenso frustriert über die Politik. Damit meint sie ganz ausdrücklich auch NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD), die nach dem Unglück doch so eindringlich eine Aufklärung versprochen hatte. „Von einer Tagesbetroffenheit der Ministerpräsidentin haben wir Hinterbliebene und die Verletzten nichts“, sagt Müller. Am Anfang habe ich geglaubt, dass Frau Kraft das auch so meinte, aber mittlerweile fühle ich mich für PR-Zwecke missbraucht.“ Sie wisse sehr genau, dass die Ministerpräsidentin sich juristisch nicht einmischen dürfe, aber die versprochene Aufklärung müsse dann anders erfolgen.

Müller: „Nach dem Unglück und während des Ermittlungsverfahrens wurden wir vertröstet, man müsse das Verfahren der Justiz abwarten.“ Jetzt heiße es, eine politische Aufklärung durch einen Untersuchungsausschuss im Landtag könne es nicht geben, weil dieser seine Arbeit vor der Wahl nicht mehr leisten könne. Verbittert sagt sie: „Wie schnell ging das doch, als nach der Kölner Silvesternacht ein Ausschuss seine Arbeit aufnahm.“

Ihr Anwalt Julius Reiter meint, mit einem entsprechenden politischen Gestaltungswillen könne ein Ausschuss des Landtags, der sich auf die wesentlichen Aspekte konzentriere, auch jetzt noch wichtige Aufklärungsarbeit leisten. Wie wichtig dies für die Hinterbliebenen und die Opfer wäre, erklärt er so: „Wenn die Betroffenen zivilrechtlich klagen wollen, zucken doch alle nur mit den Schultern: Die Organisatoren der Loveparade in der Duisburger Stadtverwaltung und die Veranstalter verweisen uns auf den Beschluss, dass doch die Justiz kein Verfahren eröffnet habe. Und wenn wir das Land wegen Fehlern bei der polizeilichen Durchführung des Einsatzes verklagen wollen, dann heißt es: Was wollt ihr, dieses Verfahren ist längst eingestellt.“

„Wir werden doch verhöhnt durch eine solche Entscheidung, dass nun überhaupt niemand schuld sein soll am Tod meines Sohnes und der vielen anderen“, klagt Gabi Müller. Sie selbst musste sich in psychotherapeutische Behandlung begeben. Seit sie die Online-Petition gestartet hat, fühlt sie sich besser. „Das ist eine Art Selbsttherapie.“ Müller nimmt sich eine Devise zu Herzen, die auf einem T-Shirt ihres Sohnes steht, das sie nun, Jahre nach seinem Tod, wieder aus dem Schrank geholt hat. Darauf aufgedruckt ist der Satz: „Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren.“

Müller will kämpfen, sie will den Richtern des Oberlandesgerichts Düsseldorf, die in den nächsten Wochen oder Monaten über die Beschwerde gegen die Einstellung des Verfahrens entscheiden, zeigen, „dass die ganz normalen Menschen kein Verständnis für ein solches Ende haben“. Immer wieder werde sie von Kunden im Friseursalon, die ihr Schicksal seit Jahren teilen, darauf angesprochen. „Die schütteln alle nur den Kopf.“ Sie fügt hinzu: „Ich will mir nicht eines Tages vorwerfen müssen, dass ich nicht alles getan habe, was in meiner Macht steht. Ich will, dass geklärt wird, warum mein Kind sterben musste.“

Anwalt Reiter hat den Wunsch, dass die Verantwortlichkeiten auf politischer Ebene geklärt werden, setzt aber auch noch auf die Justiz. Er könne sich nicht vorstellen, dass es vor dem Oberlandesgericht bei der Einstellung bleibt. Er hofft, dass am Ende die Verantwortlichkeiten auch noch von der Strafjustiz geklärt werden und so der Weg zivilrechtlicher Verfahren (Schadensersatz, Schmerzensgeld) leichter gegangen werden könne. Und Gabi Müller kämpft weiter, um am Ende doch noch „ihr Recht in NRW“ zu bekommen.

Gabi Müllers Petition im Internet: chn.ge/1XIGG6O

Mehr von Westdeutsche Zeitung