London: Wo der Pendler zum Tier wird

London: Wo der Pendler zum Tier wird

Treten, rennen, schubsen: Eine Studie belegt die schlimmen Zustände in der U-Bahn während der Stoßzeiten.

London. Überfüllte U-Bahnen bringen das Tier im Pendler zum Vorschein. Für die Beobachtung vieler Berufstätiger liefert eine Studie zur Londoner "Tube", dem ältesten Untergrund-System der Welt, jetzt Belege, die buchstäblich erdrückend sind.

Für den täglichen Berufsverkehr brauchen Londoner nicht nur ein Ticket, sondern besser noch eine Nahkampf-Ausbildung: Zerbrochene Brillen, gerissene Strumpfhosen oder schwer mitgenommene Jackenknöpfe gehören noch zu den kleineren Übeln der U-Bahnfahrt.

Ein Stehplatz unter der schwitzenden Achselhöhle eines Fremden, Kinnhaken, Tritte oder gar Ohnmachtsanfälle in den stickigen Waggons gehören ans andere Ende der Frust-Skala.

Die "unkomfortablen" Bedingungen, wie es der Londoner Transport-Ausschuss vornehm ausdrückt, sind jetzt amtlich. "Die Situation ist so verheerend, dass Pendler sich offensichtlich mental auf die Fahrt mit der U-Bahn vorbereiten müssen", heißt es in der Studie. Es herrsche eine "Jeder-gegen-jeden-Atmosphäre" und die Haltung, dass "nur der Stärkere überlebt".

Die Knappheit bei den Sitzplätzen lässt viele offenbar alle guten Manieren vergessen. "In der U-Bahn werde ich zum Tier", zitiert die Studie einen Pendler. Es sei ganz normal, dass Leute auf freie Plätze hechteten, selbst wenn sie Schwangere, Eltern mit Kindern oder ältere Menschen sehen würden.

Viele müssen regelrecht Kräfte und Mut zusammennehmen, um sich der Enge und dem rüden Umgang im Untergrund zu stellen. Im Fazit der Umfrage mit dem Titel "too close for comfort" (etwa: zu eng, um schön zu sein) heißt es auch, dass Pendler nach einer Stunde in der Tube eine weitere bräuchten, um sich davon zu entspannen.

Um mit dem animalischen Egoismus der Mitreisenden klar zu kommen, grenzen sich viele ab, indem sie "sich mit dem iPod zustöpseln oder auf Autopilot schalten". Das zivilisierte Ich bleibt häufig überirdisch zurück. "Nur abgehärtete Pendler haben resigniert und akzeptieren die Umstände, ohne aggressiv zu werden", heißt es.

Zur Rush Hour müssen sich oft mehr als vier Personen einen Quadratmeter Platz teilen. In der Central Line fahren zu Stoßzeiten über 60 000 Menschen, oft müssen Stationen wegen Überfüllung geschlossen werden. Auch die Piccadilly- und Northern Linie gelten als chronisch kritisch.

Die U-Bahn-Betreiber haben auf die Ergebnisse der Studie bislang nur verhalten reagiert und auf Maßnahmen verwiesen, mit denen sie die Transportkapazitäten in der Sieben-Millionen-Stadt um 30 Prozent erhöhen wollen.

Dass das Mehr an Platz jedoch auch durch das Herausreißen von Sitzen geschaffen wird, dürfte Pendler kaum glücklich stimmen. Zudem ist der Monatspreis für ein Stadtticket gerade erst auf 110 Euro gestiegen.

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