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Kreis Mettmann: Der Laderaum eines Kombis reicht für seinen ganzen Besitz

Kreis Mettmann: Der Laderaum eines Kombis reicht für seinen ganzen Besitz

Der Franziskanerbruder Damian hat im Armutsgelübde seines Ordens seinen Reichtum gefunden: Seelenfrieden.

Velbert-Neviges. Manchmal lässt Rolf Bieger seine Gesprächspartner ein bisschen beschämt zurück. Beschämt und mit der Gewissheit, dass es außerhalb des Reihenhauses mit Garten, des Zweitwagens und des Viertfernsehers einen Lebensentwurf gibt, der glücklich, nein, der zufrieden macht. "Zufriedenheit ist der bessere Ausdruck. Glück ist oberflächlich", sagt der Franziskanermönch, den alle Bruder Damian nennen.

Bruder Damian (39) wirkt sehr entspannt. Dabei ist sein Tag an diesem Mittag auch schon wieder mehr als sechs Stunden alt und wird noch einmal zehn bis elf Stunden dauern. Das ist fast immer so und macht sich bisweilen dadurch bemerkbar, dass der Mönch sich von Zeit zu Zeit mit der rechten Hand durchs den kurzen grau melierten Vollbart fährt. Manchmal nimmt er die Brille mit dem schmalen Stahlrahmen ab, massiert mit Daumen und Zeigefinger die Nasenwurzel.

Das Leben als Mönch und noch dazu als Pfarrer ist hart. Aber es ist genau das Leben, das Bruder Damian führen will. Daran besteht für ihn kein Zweifel. Gestern nicht, heute nicht, morgen nicht. "Alles, was ich draußen finden kann, ersetzt nicht, was ich hier aufgeben müsste", sagt der Franziskaner.

Der Habit, so heißt die braune Kutte der Franziskaner, verbirgt einen schlanken, fast hageren Körper. Auch der dicke Wollpullover kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass er einen Menschen wärmt, der Bewegung gewohnt ist und schon allein deshalb keinen Speck ansetzt. Bruder Damian wohnt mit zehn weiteren Mönchen im Franziskanerkloster von Neviges, im Schatten des weltberühmten Mariendomes in Neviges. Er ist Seelsorger, leitet Schulgottesdienste, ist so etwas wie der Botschafter der Franziskaner in Neviges. Bruder Damian hat reichlich zu tun.

Dennoch wirkt er nicht gehetzt, gibt seinem Gesprächspartner das Gefühl, in diesem Moment der einzige zu sein, der wirklich wichtig ist. Dieser Ordensbruder ist ein sympathischer Mann, einer, der Vertrauen erweckt, der glaubwürdig wirkt, weil er glaubwürdig ist. Und er ist ganz genau das Gegenteil von den Franziskaner-Mönchen, die Romane und Kino bekannt gemacht haben. "Der Name der Rose", sagt er. "Das ist das Bild, das viele haben." Nach einer Unterhaltung mit ihm ist dieses Bild für immer verschwunden.

Das nächste Jahr wird das Jahr der Franziskaner, und es wird das Jahr des Franziskaners. Der Orden feiert 800-jähriges Bestehen, und für Bruder Damian jährt sich zum 20. Mal der Tag, an dem er die Schwelle zum Kloster überschritt und nicht mehr Rolf Bieger, der Sohn aus gutem, wohlhabendem Hause war.

Wenn er von diesem Tag erzählt, umspielt ein Lächeln die Lippen seines Mundes. Dann verfällt Bruder Damian ein bisschen in Plauderton. Schon klingen die letzten Silben des letzten Wortes seiner Sätze ein bisschen heller und verraten die rheinischen Wurzeln des Mönches. "Nach dem Abitur war der Drang da, das auszuprobieren", sagt er. "Dazu kam der Ablösungsprozess von den Eltern." Die Freunde hätten ein bisschen komisch geguckt. "Und meine Eltern dachten zuerst, sie verlören ihren Sohn."

Rolf Bieger ist wohl behütet aufgewachsen. Die Eltern führten ein florierendes Bauunternehmen. Dem Sohn und den beiden Töchtern der Familie fehlte es an gar nichts. "Ich habe sorgenfrei gelebt."

Bis auf einmal. "Da hab’ ich einen Firmenkonkurs mitgekriegt. Die Bank kam schon und hat bei uns alles fotografiert. Von da an wusste ich, wie vergänglich Wohlstand sein kann."

Möglicherweise war das der Impuls, der später aus dem Abiturienten einen Franziskaner machte. Vielleicht war der Weg in den Orden auch eine Art Flucht. Bruder Damian schließt das nicht aus. "Wer weniger hat, der kann auch weniger verlieren. Das ist schon richtig", sagt er.

Verglichen mit den meisten anderen Menschen in Deutschland hat Bruder Damian in Wirklichkeit nichts. Was er besitzt, geht in den Laderaum eines Mittelklasse-Kombis. In seinem Zimmer stehen ein Schaukelstuhl, ein Bett, ein Regal. Auf dem Regal Bücher, "und so ein Ghettoblaster". Den braucht der Mönch, wenn er abschalten will. Dann legt er klassische Musik ein. Und manchmal greift er in die Kiste mit den Kassetten, die er vor 20Jahren mit ins Kloster brachte. "Damals habe ich zehn Stück mit der Musik aufgenommen, von der ich glaubte, dass ich sie mein Leben lang hören würde."

Der Geschmack des Franziskaners hat sich inzwischen ein bisschen verändert. Aber manchmal dürfen es doch noch AC/DC und Led Zeppelin sein oder das, was in den 80-ern halt so modern war. Es sei denn, es wäre Samstagnachmittag. Dann ist Konferenzschaltung im Radio, und Bruder Damian muss hören, wie es seinem FCKöln in der Fußball-Bundesliga ergeht.

All das ist, gemessen an weltlichen Maßstäben, nicht viel und erfüllt ohne Zweifel den Anspruch der Franziskaner, arm zu sein. Nur, dass die Ordensbrüder es nicht als arm empfinden. "Ich spüre nicht viel Verzicht", sagt Bruder Damian. "Wir leben hier relativ bürgerlich. Hier habe ich eine feste Struktur, in die ich mich fallen lassen kann. Sie trägt. Sie ist auch da, wenn ich einmal nicht da bin", erklärt er.

Verzicht empfindet der Ordensbruder dann, wenn er verfügbar sein muss, wenn nicht er, sondern die Ordensleitung entscheidet, an welchem Ort er zu leben hat. Das ist bei Franziskanern alle drei Jahre so und hängt schlicht davon ab, wer wo gebraucht wird. "Daran macht sich unser Verzicht am deutlichsten. Diese Verfügbarkeit ist unsere Herausforderung." Bruder Damian ist seit 2007 als Pfarrer in Neviges. Nach den Regeln des Ordens müsste er 2010 wieder gehen. "Mit der einmal getroffenen Entscheidung ist eben auch leiden verbunden", sagt er für den Fall, dass er im übernächsten Jahr der Abschied kommt.

Aber selbst das wäre für Bruder Damian kein Grund, an seinem Leben im Orden zu zweifeln. "Ich suche Frieden in der Seele. Zufriedenheit, das ist es, worum es geht." In der Liebe zu Gott und darin, seinem Idol Franz von Assisi nachzueifern, hat der 39 Jahre alte Mönch seinen Frieden gefunden. Und der ist ihm viel mehr wert als alle irdischen Güter.

Manchmal lässt Bruder Damian seinen Gesprächpartner ein bisschen beschämt zurück. Beschämt und mit der Gewissheit, dass es ganz weit außerhalb von "mein Haus, mein Garten, mein Pferd" noch Lebensentwürfe gibt, die einen Menschen zufrieden machen können.