Kirchentag-Rückblick 2011: Eine Vitaminpille für den Glauben

Kirchentag-Rückblick 2011: Eine Vitaminpille für den Glauben

120 000 Protestanten feiern den Abschluss der Veranstaltung. Die Präsidentin spricht von einer neuen „Lust auf Theologie“.

Dresden. So schön kann Kirche sein. 120 000 Menschen säumten gestern das Dresdner Königsufer, an dem Geistliche auf einer mächtigen Bühne predigten. Die Sonne strahlte vom blauen Himmel und setzte die historische Stadtsilhouette ins Licht. Etwas abgekämpft, aber glücklich sahen sie aus, die Teilnehmer des 33. Evangelischen Kirchentags mit ihren grünen Schals.

Sie versammelten sich nach fünftägigem Veranstaltungsmarathon zum letzten Mal, um ihren Glauben zu zelebrieren, Gemeinschaft zu erleben. Die Problemschwere mancher Kirchentagsforen zur Energiewende oder einer gerechteren Welt war vergessen. Singen, beten und umarmen hieß die Devise — und Adressen austauschen.

Ein schönes Fest des Glaubens hat Dresden erlebt, keine Frage, vielleicht den „ersten gesamtdeutschen Kirchentag“, wie Präsidentin Katrin Göring-Eckardt sagte. „Es gibt eine neue Lust auf Theologie“, betonte sie.

Ob indes der Kirchentag nachhaltige Wirkung für die evangelische Kirche entfaltet, darf als offen gelten. „Dass allein eine solche Großveranstaltung zu einem Aufschwung führt, wage ich doch zu bezweifeln“, hatte der Religionssoziologe Olaf Müller von der Universität Münster schon vor dem protestantischen Laientreffen erklärt. Sicher allerdings war der Kirchentag eine Vergewisserung im eigenen Glauben und die Erfahrung als große Gemeinschaft in einer immer säkulareren Umgebung.

Ein Kirchentag des Glaubens war es, aber noch viel mehr ein politischer Kirchentag. Schon früh hatten die Organisatoren um Bundestagsvizepräsidentin Göring-Eckardt von den Grünen das Thema Atom auf die Agenda gesetzt, das nach Fukushima eine ganz neue Dynamik entfaltete. Etliche Veranstaltungen drehten sich um den Atomausstieg, der parallel zum Kirchentag in Berlin von Regierungskoalition und Ländern festgezurrt wurde.

Mit der Integration von Zuwanderern, dem sexuellen Missbrauch und Auslandseinsätzen der Bundeswehr standen weitere Reizthemen im Mittelpunkt. Doch gab es dabei auf den Podien und in den übervollen Hallen kaum wirklich Streit, wirkliches Fetzen, empörte Zwischenrufe, wie auf Kirchentagen vergangener Jahrzehnte.

Ungebrochen war der Andrang der Massen für den Star der Protestanten, Ex-Bischöfin Margot Käßmann. Tausende pilgern von einer überfüllten Veranstaltungshalle zur nächsten, um die zweifelsohne populärste Vertreterin der Kirche zu sehen. „Wie die reden kann, einfach Klasse“, sagt eine Zuhörerin.

Von Käßmann kommen wie gewohnt klare Worte: gegen Kinderarmut, gegen Waffenhandel. Und im Publikum lauschte Bundespräsident Christian Wulff, der mit dem Ruf nach mehr Ökumene zum Auftakt des Kirchentags einen Akzent gesetzt hatte.

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