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Kein Respekt: Warnwesten als Freibrief für Pöbeleien

Kein Respekt: Warnwesten als Freibrief für Pöbeleien

Die Straßenwärter sind beinah täglich Aggressionen von Autofahrern ausgesetzt. Aber den Beleidigungen lassen sie praktisch nie eine Anzeige folgen.

Willich. A 52, Fahrtrichtung Düsseldorf, kurz hinter dem Autobahnkreuz Neersen. In Höhe der Raststätte Cloerbruch staut sich der Verkehr vor einer Tagesbaustelle. Von hinten rauscht auf der Überholspur ein Pkw heran, bremst zu spät, muss nach rechts ausweichen. Der Wagen neben ihm schafft es noch gerade, sich auf den Standstreifen zu retten. Einstimmung auf einen Termin zur Woche des Respekts, in dem es um den gefährlichen Job der Straßenwärter geht — und um die Beschimpfungen, denen sie sich täglich ausgesetzt sehen.

Den Stau verursacht eine Kolonne des Landesbetriebs Straßenbau. Im Nieselregen ist sie damit beschäftigt, Sträucher und Bäume am Straßenrand zu beschneiden. Das dient der Sicherheit der Autofahrer. Aber die ärgern sich in der Regel nur über den gesperrten Fahrstreifen. „Früher waren es eher Verbalattacken. Inzwischen sind Gestikulationen wie das Vogelzeigen oder der Stinkefinger dazugekommen“, schildert Dietmar Schloßmacher (40) von der Autobahnmeisterei Kaarst seine täglichen Erfahrungen. Die Stimmung sei aggressiver geworden. Ab und an fliegen auch Feuerzeuge oder Coladosen aus den Autos in Richtung Arbeiter.

Schloßmacher schätzt, dass die Vorfälle um 30 Prozent zugenommen haben. Aber eine Statistik gibt es nicht — und in den allermeisten Fällen auch keine Konsequenzen. Denn die Mitarbeiter verzichten in der Regel auf Anzeigen. „Als ich 1998 angefangen habe, habe ich solche Vorfälle noch mit nach Hause genommen. Aber inzwischen habe ich ein dickes Fell“, sagt Schloßmacher. Jeder Pöbelei nachzugehen, sei für die Kollegen nicht leistbar: „Das Verhältnis zwischen Verwaltungsaufwand und persönlichem Befinden rechnet sich nicht.“

„Die Straßenwärter kämen aus dem Anzeigen gar nicht mehr heraus“, pflichtet ihm sein oberster Dienstherr, NRW-Verkehrsminister Michael Groschek (SPD), bei. Und schimpft dann auf die Autofahrer, denen die orangenfarbige Sicherheitskleidung als Uniform und damit als Freibrief gilt, um die Arbeiter stellvertretend für die Sanierungsversäumnisse der vergangenen Jahrzehnte verantwortlich zu machen. „Wer Freund und Helfer in Uniform haben will, muss auch dafür sorgen, selbst Freund und Helfer der Menschen in Uniform zu sein.“

Denn statt Angriffen frustrierter Autofahrer hätten die Mitarbeiter vielmehr Respekt und Anerkennung für ihren gefährlichen Job verdient. „Die Arbeit an der Straße ist 13-mal gefährlicher als in gewerblichen Betrieben“, sagt Elfriede Sauerwein-Braksiek, Direktorin des Landesbetriebs Straßenbau NRW. Immer wieder gibt es Verletzte oder gar Tote Einmal jährlich wird ihrer mit einer Kranzniederlegung gedacht.

„Man darf hier keinen falschen Schritt machen und die Routine darf nicht überhandnehmen“, sagt Sauerwein-Braksiek. „Das Wichtigste ist daher, dass die Leute gesund wieder reinkommen“, formuliert Alexander Wermeter seine tägliche Devise. Der 46-Jährige arbeitet bereits mehr als die Hälfte seines Lebens an der Straße, als einer von derzeit 1930 Straßenwärtern in Nordrhein-Westfalen.

Wermeter hat in seinem Arbeitsleben schon alle Formen der Unmutsäußerungen erlebt — und macht den wachsenden Zeitdruck dafür verantwortlich. „Wir fangen ja auch an der Aldi-Kasse direkt an zu meckern, wenn die zweite Kasse nicht aufmacht.“ Es sei ein gesellschaftliches Problem, dass niemand mehr Zeit habe.

Und die Beschimpfungen sind nicht auf die Mitarbeiter des Landesbetriebs beschränkt, die sich in den Tagesbaustellen Markierungsarbeiten, Gehölzschnitt und kleineren Reparaturen widmen. Die Fremdfirmen, die mit den Dauerbaustellen beschäftigt sind, trifft es genauso. Da ist es manchmal ganz hilfreich, wenn an den Baustellen Hörschutz vorgeschrieben ist.

Es ist 15 Uhr, Sperrzeit, die Tagesbaustelle wird aufgelöst. Im Berufsverkehr sollen unnötige Behinderungen vermieden werden. An der A 57 gibt es sogar Abschnitte, an denen nur nachts oder am Wochenende gearbeitet werden darf. „Aber da“, sagt Wermeter schulterzuckend, „werden wir dann beschimpft, warum wir nicht unter der Woche arbeiten.“