Kassen-Chefs als Absahner

Kassen-Chefs als Absahner

BKK Delphi: Die Staatsanwaltschaft ermittelt: Spitzen der Wuppertaler Betriebskrankenkasse führten Luxus-Leben auf Kosten der Versicherten.

Wuppertal. Die Potenzpille Viagra, Haarwuchsmittel, Rheuma-Matratzen, sogar Massagen in Dampfbädern und Besuche in Badethermen - alles problemlos auf Kosten der Krankenkasse. Wovon gesetzlich Krankenversicherte im Normalfall nur träumen können, war für die Spitzen der früheren Wuppertaler Betriebskrankenkasse BKK Delphi kein Problem: Ex-Vorstand Theo Surkamp, der frühere Vorsitzende des Verwaltungsrats, Surkamps Stellvertreterin sowie neun weitere Personen genehmigten sich nach Ermittlungen der Wuppertaler Staatsanwaltschaft offenbar ein Luxus-Leben auf Kosten der Versicherten.

Oberstaatsanwalt Ralf Meyer: "Die Ermittlungen wegen des Verdachts der Untreue und Bestechung stehen vor dem Abschluss. Wir prüfen derzeit die Anklageerhebung gegen den früheren Vorstandschef und gegen den früheren Verwaltungsratsvorsitzenden. Gegen die ehemalige Stellvertreterin laufen die Ermittlungen noch." Die Ermittlungen gegen neun weitere Beschuldigte hingegen wurden inzwischen mit Zustimmung des Gerichts wegen Geringfügigkeit eingestellt.

Die Hauptbeschuldigten hatten nach Ansicht der Staatsanwaltschaft eine "ausgesprochene Mitnahme-Mentalität": Das Potenzmittel Viagra (vier Pillen 50Euro) genehmigten sie sich mehrfach gratis, für eine ambulante Vorsorgemaßnahme stellten sie der Kasse gleich auch noch die Miete für ein Ferienhaus in Rechnung.

Die jährliche Sitzung des Verwaltungsrates wurde in drei- bis fünftägige Reisen eingebettet - selbstverständlich mit Ehefrauen. Dann wurden von der Kasse natürlich auch die Kosten für die Mini-Bar, für Bootsausflüge, Besichtigungen und Restaurantbesuche übernommen. Selbst eine Verwaltungsratsreise im Privatjet nach Sylt ließ sich Kassen-Chef Surkamp erstatten. Dabei deckten sich Kassen-Chef und Verwaltungsratsvorsitzender gegenseitig.

Oberstaatsanwalt Meyer: "Nach unserer Einschätzung war der Unrechtsgehalt der Taten recht hoch." So genehmigte Kassenchef Surkamp seiner Tochter auch eine schönheitschirurgische Bauchstraffung für rund 2000Euro. Insgesamt liegt nach Einschätzung der Wuppertaler Staatsanwaltschaft der angerichtete Schaden bei 600000 Euro.

Seinen Chefposten bei der BKK-Delphi ist Surkamp bereits los, auch sein früherer Verwaltungsratschef wurde aus dem Amt gejagt. "Direkt nach Bekanntwerden der groben Unregelmäßigkeiten bei der BKK Delphi wurden die Beteiligten fristlos entlassen", sagt Lydia Krüger, Sprecherin der Deutschen BKK, die im Frühjahr die BKK Delphi übernommen hatte. Krüger zu unserer Zeitung: "Die Deutsche BKK verurteilt die Verfehlungen bei der ehemaligen BKK Delphi aufs Schärfste und hat Schadensersatzforderungen gegen den ehemaligen Vorstandschef erhoben."

Wenn es zu einer Anklageerhebung am Wuppertaler Landgericht und zu einer Verurteilung von Ex-Kassen-Chef Surkamp kommt, droht diesem eine Haftstrafe von mehr als zwei Jahren, die dann auch nicht mehr zur Bewährung ausgesetzt werden könnte.

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