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Jeder Zweite will in die Urne: Leerstand auf den Friedhöfen

Jeder Zweite will in die Urne: Leerstand auf den Friedhöfen

Der Trend zur Urnenbestattung zwingt Städte dazu, erfinderisch zu werden.

Düsseldorf. „Früher war es ganz klar: Wenn jemand stirbt, wird er im Familiengrab bestattet, und die Angehörigen kümmern sich um die Pflege. Heute verliert sich das mehr und mehr in Unsicherheit.“

Stephan Kahl ist Technischer Beigeordneter in Kempen und als solcher auch für die Friedhofsflächen der Stadt zuständig. Er kämpft mit einem Problem, das inzwischen viele Kommunen beschäftigt: Leerstand auf den Friedhöfen.

In Düsseldorf etwa geht man davon aus, dass von den derzeit 250 Hektar Friedhofsfläche in 30 Jahren nur noch 160 Hektar benötigt werden. In Krefeld schätzt man, dass sich die benötigte Fläche in dem Zeitraum nahezu halbieren wird, von derzeit 127 auf dann 73 Hektar. Und in Burscheid hat der Stadtrat beschlossen, eine erst seit 2001 genutzte Friedhofserweiterung wieder aufzugeben — von 1200 neuen Grabflächen wurden bislang nur 250 belegt.

„Die Bestattungskultur hat sich verändert“, sagt Thomas Eberhardt-Köster, stellvertretender Leiter des Friedhofsamtes in Düsseldorf. In Düsseldorf wählen inzwischen 49 Prozent eine Feuerbestattung. Bundesweit hat es im vergangenen Jahr erstmals genau so viele Urnen wie Erdbestattungen gegeben. Das schafft Platz auf den Friedhöfen, denn ein Urnengrab ist achtmal kleiner als ein Sarggrab.

Grund für den Trend sind häufig Kostenerwägungen. In Burscheid etwa kostet ein pflegefreies Urnenreihengrab 800 Euro, ein klassisches Reihengrab dagegen 1200 Euro. Alle Städte berichten von einem Trend zu anonymen Bestattungen. „Pflegefreie Gräber werden immer stärker nachgefragt. Wir können uns deshalb vorstellen, Friedhofsflächen in Zukunft parkähnlich zu gestalten. Statt Einzelgräbern gibt es begrünte Flächen mit Bäumen und Stauden“, sagt Stephan Kahl aus Kempen.

Den Städten geht es nicht nur darum, veränderten Ansprüchen gerecht zu werden. Ihnen laufen in erster Linie die Kosten davon, denn Friedhofsflächen mit Wiesen, Wegen und Gehölzen müssen aufwendig bewirtschaftet werden. In Krefeld etwa verschlang das Friedhofswesen im vergangenen Jahr sechs Millionen Euro. Erwirtschaftet wurden aber nur 4,4 Millionen. Nachdem sich die Stadt Burscheid dazu durchgerungen hat, die Friedhofserweiterung aufzugeben — was zum Teil auch mit der Umbettung Verstorbener verbunden ist — konnten die hohen Friedhofsgebühren um 40 Prozent gesenkt werden.

Doch die Städte werden auch zunehmend erfinderisch. Am Friedhof St. Hubert in Kempen etwa soll eine nicht benötigte Erweiterungsfläche zu Bauland für seniorengerechtes Wohnen umgewidmet werden. In Düsseldorf soll frei werdende Friedhofsfläche auf den großen Plätzen langfristig zu pflegeleichter Parkfläche umgewidmet werden. Geplant ist etwa ein kleiner Park inmitten des Nordfriedhofs.