Ijoma Mangold: Ein Bildungsbürger, kein Rebell

Ijoma Mangold: Ein Bildungsbürger, kein Rebell

Vom Feuilleton auf den Bildschirm: Journalist Ijoma Mangold moderiert die Sendung „Die Vorleser“.

Düsseldorf. Genau betrachtet, verdankt Ijoma Mangold seinen neuen Job beim ZDF Marcel Reich-Ranicki. Der grantelnde Literaturkritiker hatte dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen 2008 in einer vielbeachteten Rede beim Deutschen Fernsehpreis einen Niveauverfall attestiert. Elke Heidenreich stimmte in die Kritik ein. Daraufhin setzte ihr damaliger Arbeitgeber ZDF ihre Sendung "Lesen!" ab. Freitagabend startet der Sender mit "Die Vorleser" also seine dritte Literatursendung, die Ijoma Mangold als neues Gesicht an der Seite von TV-Talkmasterin Amelie Fried moderieren wird.

Es ist ein Experiment, das da gestartet wird. Denn Mangold, der 1971 geboren wurde, hat seine emphatischen Urteile über literarische Werke bislang ausschließlich in Print-Medien gefällt. Für Mangold, hauptberuflich stellvertretender Feuilletonchef der "Zeit", ist das Massenmedium Fernsehen noch unbekanntes Terrain. In Anbetracht dieser Feuertaufe gesteht der durchgeistigte Feuilletonist dann auch: "Natürlich werde ich nervös sein. Aber das ist gut so: Adrenalin ist ein unverzichtbarer, leistungssteigernder Faktor."

Wenn Mangold in der Sendung den gleichen Wortwitz aufblitzen lässt, der auch in seinen Artikeln durchscheint, dürfte es unterhaltsam werden. Den vor lauter Metaphern zuweilen überfrachteten Schreibstil von Literatur-Nobelpreisträger Günter Grass nannte er 2006 einmal "verschärften Bauern-Barock". Die Schlussfolgerung: "Die Lektüre dieser poetischen Essenz ist nur dem Lutschen von Brühwürfeln vergleichbar."

Dass ein linker Moralist wie Grass nicht unbedingt seine Zuneigung weckt, verwundert nicht: Mangold ist ein Konservativer, ein gediegener Bildungsbürger, kein Rebell. Wird er nach seinem Literaturgeschmack gefragt, verortet er sich "eher auf der Seite der Stilisten und auf der Seite des Reaktionären". Seine Lieblingslektüre ist Marcel Prousts zwischen 1913 und 1927 geschriebenes Mammutwerk "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit".

Ein Blick auf seinen Werdegang verrät, dass hier nur eine Gefühlsregung allein Regie geführt hat: die Liebe zur Literatur. Als Jugendlicher griff er immer wieder hartnäckig in den üppigen Bücherschrank seiner Mutter. So las sich Mangold, Sohn eines nigerianischen Vaters und einer deutschen Mutter, quer durch die Weltliteratur. Nach seinem Studium der Literaturwissenschaften machte er seine Obsession schon bald zum Beruf, indem er für große deutsche Tageszeitungen Bücher rezensierte. Dass das Lesen ihn nun auch noch zum Prominenten macht, dessen Gesicht millionenfach über TV-Bildschirme flackert, ist eine hübsche Pointe.

Im Zwiegespräch mit seiner Mitstreiterin Amelie Fried, die bis vor kurzem noch Gastgeberin bei der NDR-Show "3nach9" war, will er in der neuen Sendung die "ganze Fülle und Buntheit des Büchermarkts" abbilden, vom belletristischen Geheimtipp über den Bestseller bis zum Sachbuch. Und wer weiß, vielleicht schaffen es die beiden "Vorleser" sogar, Marcel Reich-Ranicki vor den Fernseher zu locken.

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