1. Panorama

Ich wollte so leben wie die Waltons

Ich wollte so leben wie die Waltons

Unsere Autorin hat sich ihren Traum erfüllt: Immer Leben in der Bude – das ist für die achtfache Mutter der wahre Reichtum.

Elmpt. Die Waltons waren in den 70er Jahren meine liebste Fernsehserie. So wollte das sechsjährige Mädchen auf dem beigen Sofa später leben, genau so.

Mittendrin im Nirgendwo, mit ganz viel Gegend drumrum, dem Holzhaus mit Veranda und Schaukelstuhl, den vielen Kindern - und einem Mann wie John Walton, der eines Abends den liebevollen Satz sagt: "Ich würde es nie wagen, einer rothaarigen Frau zu widersprechen." Olivia hat gelächelt. Und genau so wollte ich dann auch lächeln.

Ich habe viel gelernt in den 33 Jahren seitdem. Als erstes meinen Mann kennen und lieben. Und welche Zwanzigjährige fragt schon, na, nicht vor, aber doch knapp nach dem ersten Kuss: "Kannst Du Dir eigentlich viele Kinder vorstellen?" Er hat ja gesagt. Und ist nicht weggelaufen. Das rechne ich ihm hoch an.

Aus den Blue Ridge Mountains ist der Niederrhein geworden, aus dem Holzhaus mit Veranda ein typisches rotes Backsteinhaus. Und wir leben nicht in den 1930ern, sondern jetzt und hier. Aber sonst hat es schon eine Menge von diesem Kindertraum.

Allerdings haben wir ständig die gleichen Geldsorgen wie die Waltons. Und unser Auto ist auch immer kaputt. Anders ist einfach die Zeit um uns herum. Während die Walton-Kinder morgens zur Schule spazierten und nachmittags zurück, brauche ich für unsere Familie ein elektronisches Terminbuch.

Handball, Tanzen, Kirche, Besuche bei Freunden und Freundinnen - oft genug mit Hilfe von Mamas Taxi. Ein kleines Sägewerk würde uns nicht über Wasser halten, Uli arbeitet als Techniker, ich als Journalistin. Das macht das Familienleben noch ein bisschen schwieriger.

Die Aktion "Wir backen alle gemeinsam Weihnachtsplätzchen" muss wochenlang vorher geplant werden, und dann kommt doch noch alles anders. Imke nörgelt, weil sie sich noch mit Klassenkameradinnen für ein Referat treffen muss und ihr alles zu langsam geht. Ida und Astrid möchten ständig nur probieren, und Kerstin schaufelt fleißig Teig in ihre kleinen Schwestern hinein, wenn gerade niemand hinguckt. Jan-Fiete knurrt, weil es nicht alle zwei Minuten irgendeinen Löffel zum Ablecken gibt.

Schon die Auswahl der Plätzchen wird zur demokratischen Meisterleistung. Abstimmen, rechnen, wer wofür ist, und dann feststellen, dass dafür aber eine entscheidende Zutat fehlt.

Imke möchte unbedingt das Rezept "Traummann zum Selberbacken" ausprobieren, das sie zum 16. Geburtstag bekommen hat. Die anderen wollen lieber Nougatplätzchen haben. Der Teig wird aber krümelig, obwohl Antje schwört, dass sie nichts vergessen hat.

Als Ausgleich dafür bleibt der Hefeteig für die Traummänner klatschig und klebrig. Zoe möchte ausstechen, Jan-Fiete auch, bald überbieten sie sich darin, gegenseitig die Plätzchen kaputt zu stechen. Erik, unser Tüftler, überprüft gedankenverloren, ob man die Plätzchen auch mit der Form irgendwie aus der Teigplatte lösen und aufs Blech heben kann.

Das erste Blech Plätzchen wird sehr hell, wahrscheinlich war der Ofen noch nicht richtig heiß. Das zweite verbrennt dafür, weil wir alle so intensiv mit den Traummännern beschäftigt sind.

"Der Teig ist total faltig, da kannste nur alte Männer draus machen", stellt Antje fest, nachdem ich die fast flüssige Masse mit reichlich Mehl zu retten versucht hatte. Dann gehen die Männer auf dem Backblech richtig gut auf - klar, es ist ja Hefeteig. "Hilfe, die werden dick", schreit Imke aus der Küche. "Ich will aber keinen dicken Mann."

"Hmpf, grmpf, hmpf", kichert Antje zurück. "Ich wollte gerade aus dem Rest zwei etwas dickere machen, also Papa und Mama, mal gucken, wie die dann nach dem Backen aussehen."

Es werden unförmige Plätzchen-Bälle, aber sie schmecken hervorragend. Genau wie die verunglückten Nougatplätzchen. Einen Plätzchen-Reichtum werden wir am Mittwochabend nicht unter dem Baum haben, irgendwie war die Halbwertszeit des Gebäcks doch ausgesprochen gering.

Auch die großen Familiengeschenke wie Spielkonsolen sucht man bei uns am Mittwochbend vergeblich. Dafür reicht unser Reichtum nicht aus. Aber das, was wir haben, kann man mit allem Geld der Welt nicht kaufen. Ich weiß schon jetzt, dass mir nachher in der Kirche vor Dankbarkeit die Tränen über die Wangen laufen werden - wenn Kerstin die Maria spielt, Erik einen Sterndeuter, Zoe den Wirt und Jan-Fiete den Esel.

Und wenn dann nach der Bescherung unter dem Baum alle schlafen, dann schleichen mein Mann und ich wieder durchs Haus, um noch einmal nach dem Rechten zu sehen, die vergessenen Lichter zu löschen. Um über die Katzen zu fallen, die in der hinteren Diele schlafen, leise zu fluchen, und von oben ein unterdrücktes Gekicher zu hören.

"Gute Nacht, Imke, gute Nacht, Antje", rufen wir dann hinauf. "Gute Nacht, Mama, gute Nacht, Papa", kommt zurück. Eben wie bei den Waltons.