Hungersteine — Zeichen für Missernte

Hungersteine — Zeichen für Missernte

Felsen, die bei extremem Niedrigwasser aus den Flüssen ragen, galten Bauern einst als Vorboten für schlechte Zeiten.

Düsseldorf. Seit Wochen kein richtiger Regen, überwiegend Sonnenschein vom strahlend blauen Himmel und als Folge Niedrigwasser in den Flüssen und Seen: Was für Ausflügler und Sonnenanbeter herrlich ist, bereitet vor allem der Landwirtschaft inzwischen große Sorgen — denn bei anhaltender Trockenheit ist die Kartoffel- und Getreideernte in Gefahr.

Inschrift auf einem der ältesten bekannten Hungersteine in der Elbe bei der tschechischen Stadt Decin (ehem. Tetschen), nahe der deutschen Grenze.

Sichtbares Zeichen dieser drohenden Gefahr sind seit Jahrhunderten die sogenannten „Hungersteine“, die derzeit an verschiedenen Stellen in den deutschen Flüssen sichtbar werden — große Findlinge, die bei normalem Wasserstand von den Fluten verborgen werden.

Bauern waren schon immer besonders abhängig vom Wetter und haben es deshalb genau beobachtet. Dabei fielen ihnen gewisse Regelmäßigkeiten auf. Beispielsweise, dass Niedrigwasser im Frühjahr oft mit warmer und trockener Witterung verbunden ist, die wiederum häufig zu mageren Ernten führte. Daher kündigte das Erscheinen der „Hungersteine“ meist eine Missernte und Nahrungsmittelknappheit an. Um das „Erscheinen“ der Steine zu dokumentieren, wurden dort häufig die jeweiligen Jahreszahlen eingemeißelt.

Einer der ältesten bekannten Hungersteine liegt in der Donau nahe der tschechischen Stadt Decin (ehemals Tetschen). Der etwa sechs Quadratmeter große Basaltstein, der nur bei extremem Niedrigwasser sichtbar wird, trägt die Inschrift: „Wenn du mich siehst, dann weine.“ Die älteste Jahreszahl lautet 1417, weitere Angaben seit dem Jahr 1616 sind deutlich erkennbar.

Auch im Rhein bei Meerbusch können Hungersteine beobachtet werden: Von Mönchenwerth stromab liegen in Ufernähe mehrere langgezogene Felsen. Dies ist aber nicht ihr ursprünglicher Standort: Die bereits 1655 auf einer Karte unter dem Namen „Steinbrücke“ in der Flussmitte eingezeichneten Felsen waren im 19. Jahrhundert gesprengt und mit Seilen ans Ufer gezogen worden, weil sie den stärker werdenden Schiffsverkehr gefährdeten.

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