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Hospizbewegung: Letzte Lebenskraft für den letzten Schritt

Hospizbewegung: Letzte Lebenskraft für den letzten Schritt

Seit ihren Anfängen setzt sich die Hospizbewegung dafür ein, den Sterbeprozess nach den Wünschen der Patienten zu gestalten.

Düsseldorf. Martina Kern weiß, dass der Begriff „Lebensqualität“ leicht für Irritationen sorgt, wenn man ihn im Zusammenhang mit dem Sterben verwendet. Aber im Grunde geht es der Hospizbewegung seit ihren Anfängen genau darum: das Ende des Lebens nicht leichtfertig den Schmerzen, der Einsamkeit und den Krankenhausfluren auszuliefern. Es sei ihr Wunsch, so Klein, dass bis zum Schluss „bei jedem Menschen noch ein bisschen Energie übrig bleibt“. Letzte Lebenskraft für den letzten Schritt.

Kern leitet die Alpha-Stelle Rheinland in Bonn. Es gibt noch eine zweite dieser Ansprechstellen im Land NRW zur Palliativversorgung, Hospizarbeit und Angehörigenbegleitung — in Münster für den Landesteil Westfalen-Lippe. Hinter diesen Wortungetümen verbirgt sich seit 25 Jahren die koordinierende Spitze einer erfolgreichen Bürgerbewegung, „die von unten gewachsen ist, gerade auch aus den kirchlichen Milieus“, wie NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) anerkennend einräumt.

1992, als die beiden Alpha-Ansprechstellen ihre Arbeit aufnahmen, gab es in NRW gerade zwei stationäre Hospize in Recklinghausen und Aachen, dazu drei Palliativstationen an Krankenhäusern und 19 ambulante Hospizdienste. Heute stehen dem 71 stationäre Hospize mit 682 Plätzen, 306 ambulante Hospizdienste und 66 Palliativstationen gegenüber. Rund 9400 Menschen sind inzwischen ehrenamtlich in der Sterbebegleitung engagiert.

Ein erster statistischer Beleg dafür, dass es der Bewegung gelungen ist, auf allen Ebenen Bewusstsein zu schaffen und Grenzen abzubauen. Heute gehen Mitarbeiter ambulanter Hospizvereine selbstverständlich auch in Altenheime und Krankenhäuser. Die Palliativmedizin hat sich enorm entwickelt und damit auch die Einstellung, dass es bei weit fortgeschrittenen Erkrankungen weniger um Lebenszeitverlängerung um jeden Preis geht, sondern eher um Lebenserleichterung: die Linderung von Schmerzen, die Behebung von Luftnot, die Rückgewinnung der Autonomie durch den Verzicht auf Schläuche und Geräte.

Es gibt einen zweiten statistischen Beleg für den Erfolg der Hospizbewegung: den Blick auf die Sterbeorte. Jährlich sterben ein bis 1,2 Prozent der Menschen in NRW, dabei drei von vier Patienten mit palliativem Versorgungsbedarf mittlerweile in ihrem gewohnten Umfeld, sei es das eigene Zuhause oder eine vertraute stationäre Pflegeeinrichtung. Zwölf Prozent sterben in einem stationären Hospiz und nur noch ebenfalls zwölf Prozent in einem Krankenhaus. „Dass wir das erreicht haben, hätte vor 25 oder auch nur vor zehn Jahren niemand gedacht“, ist Minister Laumann überzeugt.

Und er registriert zufrieden, dass Ehren- und Hauptamt in der Hospizbewegung eine Einheit bilden, „bei der das Hauptamt auch dafür sorgt, dass das Ehrenamt sich nicht übernimmt“. Trotz dieser Gefahr — „es gelingt relativ gut, Ehrenamtliche für die Hospizarbeit zu gewinnen“, sagt Gerlinde Dingerkus, Leiterin der Alpha-Stelle Westfalen-Lippe. Denn der Einsatz sei so belastend wie andererseits bereichernd.

Anlässlich des Welthospiztages am Samstag soll dieser Einsatz nun erstmals landesweit in den Blick gerückt werden. Bei den 1. Hospiz- und Palliativtagen NRW stellen vom 13. bis 15. Oktober rund 120 Einrichtungen in mehr als 70 Städten und Gemeinden ihre Angebote vor — darunter Burscheid, Dormagen, Düsseldorf, Haan, Hilden, Hückeswagen, Mönchengladbach, Neuss, Ratingen, Remscheid, Solingen, Velbert und Wülfrath.

Denn so erfolgreich die Entwicklung bisher auch war, sie ist noch nicht am Ende. Laumann rechnet nicht zuletzt wegen des demografischen Wandels mit dem Bau weiterer stationärer Hospizplätze. Und die Finanzierung bleibt ein Dauerthema: Neben Mitteln von Pflege- und Krankenkassen, Land und Stiftung Wohlfahrtsplege leben Hospizvereine auch von Spenden.

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