Heftiger Streit um überfülltes Zuwanderer-Haus in Duisburg

Heftiger Streit um überfülltes Zuwanderer-Haus in Duisburg

In Rheinhausen sorgt ein vor allem von Roma bewohntes Gebäude für Ärger: Anwohner klagen über Lärm und Kriminalität — viele setzen sich aber auch für Integration ein.

Duisburg. Um das Wohlstandsgefälle Europas zu sehen, muss man in Duisburg-Rheinhausen nur über die Straße „In den Peschen“ gehen: Auf der einen Seite sorgfältig gepflegte Reihenhäuser aus den 70er und 80er Jahren, auf der anderen Seite das „Problemhaus“, wie es an Duisburger Stammtischen heißt. In einem achtstöckigen Backstein-Mietshauskomplex mitten in dem bürgerlichen Viertel Rheinhausen-Bergheim leben dicht zusammengepfercht geschätzt 600 Armutsflüchtlinge aus Rumänien und Bulgarien, viele sind Roma.

Die Namensschilder an den Briefkästen des Hauses sind überklebt. Im Innenhof stehen abgemeldete Autos neben einem Einkaufswagen randvoll mit Müll und Essensresten. Junge Männer mit Kapuzenpulli und Lederjacke stehen um einen Wagen mit offener Motorhaube. Eine Mutter wirft eine volle Windel aus dem Fenster. Sie landet direkt neben der Journalistengruppe, die das Haus anschauen will.

Häuser mit Zuwanderern aus Rumänien und Bulgarien gibt es seit dem EU-Beitritt der beiden Länder in vielen deutschen Großstädten. Der Aufenhalt der Menschen ist legal, offiziell arbeiten dürfen sie aber noch nicht. So bleiben Tagelöhnerjobs in der rechtlichen Grauzone und selbstständiges Kleingewerbe etwa als Metallsammler — und manche weichen in die Illegalität aus.

Nächtlicher Lärm und eine deutlich gestiegene Kriminalität rund um das Haus bringen die Nachbarn auf die Palme. Hunderte unterschrieben einen Protestbrief. „Ich kann nicht mehr schlafen“, sagt eine Anwohnerin. „Immer geht der Krach nachts um halb eins los mit den Autos.“

Die Stadt und ehrenamtlich tätige Duisburger bemühen sich um die Integration der Menschen: Derzeit startet eine Impfaktion für Kinder, es werden Vorbereitungsklassen mit rumänisch sprechenden Lehrern eingerichtet. Dennoch ist der Weg noch weit. Viele Bewohner reagieren misstrauisch, die Sprachhürde ist hoch, und von den 150 Kindern geht kaum eines zur Schule.

Im Innenhof stehen junge Männer — zögernd und zugleich bemüht, ihre Sicht der Dinge auszudrücken. Sie reden durcheinander. Auch mit Dolmetscherin ist kaum etwas zu verstehen. „Ich möchte Arbeit, aber ich habe keine Dokumente“, sagt ein Rumäne, „aber die Leute hier wollen uns vertreiben.“

Angst, Unsicherheit, bei manchen Zorn — das ist die Sicht der Bewohner des Hauskomplexes. In dem Backsteinhaus steht ein etwa dreijähriger Junge am Fenster und blickt in eine für ihn fremde Welt. Ohne Deutschkenntnisse bleibt ihm die Stadt verschlossen.

Die andere Realität des Hauses zeigt ein Blick in die Polizeistatistik. Nach dem Zuzug zahlreicher Rumänen und Bulgaren explodierte die Kriminalität: Trickdiebstahl am Geldautomaten, Metalldiebstähle, Spendenbettelei mit Griff nach dem Geldbeutel — typische Armutskriminalität registriert die Polizei. 379 Strafverfahren leitete sie allein von Januar bis September 2012 gegen Hausbewohner ein.

„Berlin muss wach werden“, fordert Duisburgs Oberbürgermeister Sören Link (SPD). Er hat Verständnis für die Armutstrecks, aber seine Rechnung macht er trotzdem auf: Ein Schulkind kostet pro Jahr 1600 Euro, 1200 rumänische und bulgarische Kinder hat die Stadt seit 2007 beschult — macht rund 11,5 Millionen, die Duisburg nicht hat. Und ein neues Maßnahmenpaket kostet weitere 18,7 Millionen Euro.

Wenn die Integration hier misslingt, könnte das „Problemhaus“ zu einem Kristallisationspunkt einer neuen Welle von Ausländerfeindlichkeit werden, fürchtet der ehrenamtliche Sozialarbeiter Rolf Karling. Er setzt auf konkrete Hilfe: Seit ein paar Tagen fährt er jeden Abend mit einem Kleinbus voll mit gespendetem Brot vor. Das Brot wird ihm aus der Hand gerissen, viele Bewohner haben Hunger. Im Haus nebenan will Karling ein Begegnungszentrum aufbauen, in dem Ehrenamtliche Deutschunterricht erteilen

Der Weg nach Rheinhausen führt über die „Brücke der Solidarität“. Der Name erinnert an den Kampf von Arbeitern und Anwohnern vieler Nationalitäten gegen die Schließung des Krupp-Stahlwerkes vor gut 25 Jahren. Der Zusammenhalt hier ist Mythos. Nun steht er vor einer neuen, harten Bewährungsprobe.

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