Großeinsatz gegen Hells Angels - Was hinter der Rocker-Razzia steckt

Großeinsatz gegen Hells Angels - Was hinter der Rocker-Razzia steckt

Der Großeinsatz am Mittwoch der Polizei hat eine lange Vorgeschichte. Düsseldorf gilt schon seit Jahrzehnten als Hells-Angels-Gebiet.

Düsseldorf/Erkrath/Krefeld. Der Nebel liegt am frühen Mittwochvormittag dicht über den Feldern in Mittelorbroich. Die Sonne ist noch lange nicht aufgegangen. Die Straße im Krefelder Norden ist menschenleer, die Sicht stark eingeschränkt. Keine 100 Meter weit können die Spezialeinsätzkräfte der Polizei sehen. Dennoch haben sie keine Zeit zu verlieren. Gegen 6 Uhr schlagen sie zu — wie hunderte Kollegen von ihnen landesweit parallel.

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Sie öffnen die Vordertür eines Wohnhauses gewaltsam, begeben sich im Schutz ihrer ballistischen Westen und unter Vorhalt ihrer automatischen Waffen ins Haus. Dort treffen sie auf den Mann, der laut Polizei der Präsident der seit Mittwoch verbotenen Rockergruppierung Hells Angels MC Concrete City sein soll. Sie durchsuchen sein Haus, stellen Waffen, Bargeld und eine Kutte der Hells Angels MC Concrete City sicher, die nur einem Anführer gehören kann. Bei den Waffen handelt es sich um einen Revolver, eine Pistole und ein Gewehr.

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Der Mann, über den die Polizei am Mittwoch keine genaueren Angaben machen will, verhält sich ruhig und kooperativ. Er öffnet den Ermittlern sogar seine Garage. Dort steht eine schwarze Harley Davidson. Das Motorrad wird ebenfalls beschlagnahmt und von einem Abschleppdienst zu einem Polizeipräsidium gebracht. Zudem werden Kommunikations- und IT-Geräte sowie T-Shirts mit dem Emblem der Gruppe sichergestellt.

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Parallel zur Durchsuchung in Mittelorbroich wird auch die Wohnung eines Mannes an der Buddestraße in Krefeld kontrolliert. Auch er soll Mitglied der verbotenen Rockergruppierung sein. Sein Motorrad wird ebenfalls von einem Abschleppdienst an den Haken genommen. Ob bei ihm auch Waffen gefunden wurden, sagt die Polizei nicht. Die Wohnungsinhaber sollen laut Ermittlern nicht in Gewahrsam genommen worden sein. Ein Polizeisprecher aus Essen erklärt: „Es ging bei diesem Einsatz darum, die Verbotsverfügung des Innenministeriums umzusetzen und Vereinsvermögen zu beschlagnahmen.“

Zuvor hatte der nordrhein-westfälische Innenminister Herbert Reul den Rockerverein Hells Angels MC Concrete City sowie die Teilorganisation Clan 81 Germany verboten und aufgelöst. Zweck und Tätigkeit des Rockerclubs und seiner Unterstützer verstoßen gegen Strafgesetze, heißt es in der Begründung des Verbots.

Auch in Düsseldorf wurden mehrere Objekte durchsucht, darunter eine Auto-Werkstatt in der Nähe des Hauptbahnhofes an der Charlottenstraße. Die allerdings soll seit einer Woche einen neuen Besitzer haben, der nichts mit den Rockern zu tun hat. Auch am Vogelsanger Weg im Norden, wo sich früher das Vereinsgelände befand, sollen die Beamten aufgetaucht sein.

Die Landeshauptstadt gilt schon seit Jahrzehnten als Hells-Angels-Gebiet. Vor allem in der Altstadt sollen in etlichen Gastronomie-Betrieben Gelder der Rocker stecken. Im Jahr 2000 verbot das Innenministerium in Düsseldorf die Hells Angels Düsseldorf und stürmte mit 900 Polizisten deren Vereinsgelände. In Erddepots wurden dort Waffenlager entdeckt und ausgehoben.

Lange hatten die Düsseldorfer Höllenengel das Türsteher-Geschäft weitgehend unter Kontrolle. Das allerdings meist mit türkischen „Hilfskräften“, die lange nicht vollwertige „Members“ werden und keine Kutten tragen durften. Das änderte sich im Dezember vor drei Jahren, als bei einem internationalen Treffen in Izmir vereinbart wurde, dass auch die türkischen Helfer Kutten tragen dürfen. Seitdem kommt es immer wieder zu Konflikten mit den alten Hells Angels.

„Die gestrigen Maßnahmen richteten sich gegen Personen mit deutschem und Migrations-Hintergrund“, erklärte Rechtsanwalt Wolf Bonn, der die Rocker vertritt. Für ihn ist die Polizei am MIttwoch eindeutig übers Ziel hinaus geschossen. Denn sichergestellt wurde nicht nur Vereinseigentum: „Nur beispielhaft zu nennen sind Motorräder, Uhren, sonstiger Schmuck, Gelder, die der beruflichen Ausübung einzelner dienen, oder sogar Studienunterlagen, wie etwa eine Bachelorarbeit.“ Bonn kündigte an, dass rechtliche Schritte gegen die eingesetzten Beamten eingeleitet werden.

Doch NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) widerspricht: Bei den Motorrädern handele es sich durchaus um Vereinsvermögen, die Rechtsgrundlage sei „glasklar“. Im Übrigen stehe auch den Rockern in diesem Staat der Rechtsweg offen: „Wenn die Damen und Herren aus diesem Club der Meinung sind, das wäre falsch, gibt es die Möglichkeit, das zu beweisen. Die sind jetzt bei uns und stehen sicher verwahrt.“ Reuls Botschaft: null Toleranz.

Auf 35 Seiten führt die Verbotsverfügung auf, welcher Straftaten die Rocker verdächtigt werden. So sollen minderjährige Mädchen aus dem Raum Trier von Rockern nach Erkrath gebracht, unter Drogen gesetzt und vergewaltigt worden sein, um sie zur Zwangsprostitution zu zwingen. Aufgelistet werden Landfriedensbruch, Bedrohung und immer wieder Gewalttaten, auch Angriffe auf Polizisten und Massenschlägereien mit Rivalen.

Eine Sonderrolle in den Ermittlungen spielt der Clan 81 Germany, der nur als Unterstützer-Club der Hells Angels gilt. Dieser betrieb vor einigen Jahren ein eigenes Vereinslokal in Düsseldorf-Gerresheim. Der Club wurde nach einer Razzia geschlossen. In dem Gebäude entdeckten die Fahnder eine riesige Marihuana-Plantage. Wie sich herausstellte, hatten die Hells Angels damit aber nichts zu tun. Dahinter steckte eine vietnamesische Bande. Mehrere Täter sind inzwischen verurteilt.