Griechenland-Diskussion: Die Fakten auf den Tisch

Griechenland-Diskussion: Die Fakten auf den Tisch

Griechen und Deutsche diskutieren in einer Wuppertaler Kult-Taverne über Hilfs-Milliarden aus Deutschland.

Wuppertal. Es riecht nach Gyros, Lammkotteletts und Pommes. Während Dionissios Tsanakidis (kurz Dios) eine Bestellung nach der anderen annimmt, dudelt im Hintergrund griechische Syrtaki-Musik. Seit 28 Jahren ist "Dios Taverne" im Herzen von Wuppertal-Elberfeld in der Hand der Familie - und Kult.

An diesem Nachmittag scheint alles wie immer: Über den Türen ranken künstliche Olivenzweige, ein Zeus aus Keramik schaut von der Decke, und an den Wänden hängen Fotos von den Stränden Griechenlands.

Doch die idyllischen Bilder erinnern auch an die Kulisse, vor der Griechen-Chef Giorgos Papandreou am Freitag seinem Volk erklärte, Hellas stehe vor dem Bankrott.

"Tja", sagt Dios (48), "das war nur eine Frage der Zeit." Das griechische System sei marode und jeder dort korrupt. "Egal ob beim Arzt, der Polizei oder bei der Jobsuche, die ,fakellakis’ - (wörtlich kleine Umschläge, sprich Bestechungsgeld, Anm. d. Red.) - werden überall erwartet."

Für Tochter Alexandra (23), die Vater Dios bei der Arbeit hilft, werden zu niedrige Löhne ausgezahlt. "Wer überleben will, braucht Eigentum. Und das finanzieren die meisten über Pump und Bestechung." So etwas wie die Schufa gebe es in Griechenland nicht, sagt Dios; die Banken gäben jedem Kredit. "Alle Griechen haben Schulden, das ist normal."

Eines will Dios aber klar stellen: Dass die Deutschen behaupten, für die Rente der Griechen bezahlen zu müssen, sei eine Frechheit. Die Deutschen verdienen an den Krediten, die sie an Griechenland weitergeben - für den doppelten Zinssatz.

Eiscafébesitzer Rolf-Rainer Fröhlich, der auf einen Plausch vorbeischaut, widerspricht energisch. "Wer sagt uns denn, ob wir das Geld zurück kriegen?" Die Griechen würden ihren gewohnten Lebensstandard nicht aufgeben, "obwohl sie sich ihn nicht leisten können." 8,4 Milliarden Euro ohne Forderungen bereit zu stellen, wäre Wahnsinn.

"Natürlich muss sich etwas ändern", findet auch Dios. Seiner Meinung nach sollten die Reichen dran glauben. "Da gibt es Leute die angeben, 10.000 Euro im Jahr zu verdienen, aber Jachten und Villen besitzen. "Steuern in Milliardenhöhe werden hinterzogen." Jetzt müssten die Fakten auf den Tisch. Die EU sollte Kontroll-Instanzen einrichten, das sei gar nicht falsch, sagt Vater Dios.

Koralia (19), die jüngste der Familie Tsanakidis, hätte sogar nichts dagegen, wenn die Drachme wieder eingeführt würde. Für sie ist der Euro mitschuldig an der Misere. Ein Eiskaffee am Strand koste jetzt fünf Euro, früher seien es 1000 Drachmen gewesen, umgerechnet etwa die Hälfte.

Da mischt sich ein Gast, der Moussaka bestellen will, ins Gespräch ein. Griechenland aus der Währungsunion auszuschließen, sei keine Lösung, sagt Erik Schönenberg. Wenn ein Land ausgeschlossen werde, berge das nicht nur für den Euro und die Wirtschaft eine riesige Gefahr, sondern bedeute auch einen Rückschritt für die Europäische Gemeinschaft. "Wir müssen zeigen, dass wir dem amerkianischen, oder asiatischen Markt einen Gegenpol bieten. Ob Griechenland oder Deutschland geholfen werden muss, ist doch egal."

Ein Freund von Dios-Tochter Alexandra, Sven Wernke, der im hinteren Teil der Taverne sitzt, sieht das ähnlich. "Wenn Griechenland wegbricht, dann werden andere folgen, Portugal beispielsweise. Wenn die alle ausgeschlossen werden, wer ist denn dann noch die EU?"

Dios hofft, dass die Griechen mit der Kontrolle der EU wieder auf den richtigen Weg finden. "Das kann auch eine große Chance sein - und auch für die EU. Denn wer sagt, dass es in einigen Jahren nicht einem anderen Land genauso ergeht - und Griechenland dann mit Krediten aushelfen kann?"

Mehr von Westdeutsche Zeitung