Karnevak: Grenzen der Narrenfreiheit - Umzugswagen lösen Diskussionen aus

Karnevak: Grenzen der Narrenfreiheit - Umzugswagen lösen Diskussionen aus

In Thüringen haben es die Karnevalisten in diesem Jahr besonders oft auf Kanzlerin Merkel abgesehen. Die Landespolitik atmet da zwar auf. Doch nicht immer wurden die Grenzen des guten Geschmacks eingehalten.

Erfurt/Wasungen. Bundeskanzlerin Merkel in einem „Lügensack“ und als Puppe mit einer Burka: Die Karnevalisten in Thüringen haben sich bei ihren Umzügen am Wochenende besonders oft die Bundesregierung vorgeknöpft. Anders als im vergangenen Jahr dienten Landespolitiker kaum als Ideengeber für die bunten Wagen. Dafür spielte die Flüchtlingspolitik immer wieder eine Rolle. Für Diskussionen sorgte unterdessen ein Motivwagen beim Umzug in Wasungen. Auf einer riesigen nachempfundenen Lokomotive stand „Balkan Express“, der von Narren begleitet wurde, die als Heuschrecken verkleidet waren. Der oberste Karnevalist in Thüringen hält dieses Motiv für grenzwertig.

Der Präsident des Landesverbandes Thüringer Karnevalsvereine, Michael Danz, stößt sich nach eigenen Angaben vor allem an der Aufschrift auf der Dampflok „Die Plage kommt“. „Wir werden uns das nun in aller Ruhe anschauen und mit der Zuggruppe sprechen, wie sie das gemeint hat“, sagte er am Sonntag der Deutschen Presse-Agentur. Vielleicht könne ein Leitfaden für künftige Umzüge erstellt werden. Viele Flüchtlinge erreichen Europa über die Balkan-Route.

Danz hatte in den vergangenen Wochen immer wieder darauf hingewiesen, dass die Narrenfreiheit auch Grenzen kenne - zum Beispiel wenn es um Hetze oder Ausländerfeindlichkeit gehe. „Karneval ist erfunden worden, um der Obrigkeit den Spiegel vorzuhalten“, erinnerte die Sprecherin der Gemeinschaft Erfurter Carneval (GEC), Monika Lippmann-Fritschler.

Bei Thüringens größtem Umzug in der Landeshauptstadt zogen am Sonntag rund 3000 Mitwirkende durch die Straßen. Laut Veranstaltern säumten bis zu 65 000 Menschen die Straßen. Tags zuvor zählte der Umzug in Wasungen rund 2000 Närrinnen und Narren. Auch ihnen jubelten Tausende zu.

In Erfurt stand Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) satirisch als Puppe mit einer Burka an einer Schmiedebank. In der Hand hielt sie eine Bratpfanne mit der Aufschrift „Mit Schaffenskraft“. Darüber stand „Wir schaffen das!??“ Dieser Ausspruch der Kanzlerin zur Flüchtlingspolitik war mehrfach zu lesen. Ein anderer Wagen urteilte dagegen: „Keiner ist so blöd wie wir“. Auf einem anderen Wagen saß eine riesige Merkel-Figur in einem Schlauchboot zusammen mit CSU-Chef Horst Seehofer, der einen Anker in der Hand hielt.

In Wasungen fragte ein Wagenbauer mit einer Merkel-Figur: „Wir schaffen das? Wann?“ Darunter stand etwa: „Schaden vom deutschen Volk abwenden“, „Freunde ausspähen geht gar nicht“ und „Auf deutschem Boden gilt deutsches Recht“. Andere Jecken zeigten sich Politikern gegenüber ebenfalls misstrauisch. Das Wort „Schaumschläger“ prangte groß an einem Wagen, auf dem Männer Mixstäbe schwenkten.

In den vergangenen Tagen gab es nach Angaben von Michael Danz landesweit 40 Umzüge. In unzähligen Thüringer Dörfern nahmen die Narren bei Büttenabenden besonders oft die lokale Politik oder Alltagsgegebenheiten aufs Korn. Im Harzstädtchen Neustadt setzte das Prinzenpaar selbst ein politisches Zeichen. Mit Kevin I. und Kevin I. gab es das erste offiziell gekürte schwule Prinzenpaar Thüringens. „Ich hoffe, dass wir nachgeeifert werden“, meinte Kevin Fuhrmann (23), der mit seinem Freund Kevin Reimann (18) auftrat.

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