Glosse:Ernie und Bert und ihr kurzer schwuler Frühling

Glosse : Ernie und Bert und ihr kurzer schwuler Frühling

Womöglich hat sich Mark Saltzman, seit 1984 Skript- und Liedautor der Kinderserie „Sesamstraße“ nicht viel dabei gedacht, als er meinte, in einem Interview das Geheimnis um Ernie und Bert lüften zu können.

Er habe, beschied er dem Szenemagazin „Queerty“, die beiden legendären Puppen immer als Paar empfunden und sie auch in keinem anderen Kontext gesehen, dabei aber „keine große Agenda“ gehabt. Die Agenda machten in der Folge andere daraus: „Ernie und Bert sind schwul“, bejubelte die Community die quasi offizielle Bestätigung geheimer Wunschträume.

Denn das ungleiche Paar mit Vorlieben für Quietscheentchen (Ernie) und Tauben (Bert) gilt unter Schwulen schon lange als Ikone gleichgeschlechtlicher  Beziehungen. 2011, als die Ehe für alle in Deutschland noch in weiter Ferne lag, gab es schon mal eine Online-Petition für eine Hochzeit der beiden.

Aber wollen wir wirklich wissen, was sich abspielt zwischen  dem Quergestreiften und dem Längsgestreiften, wenn sie nebeneinander im Schlafzimmer liegen und die Kamera sich diskret zurückzieht? Die Macher der „Sesamstraße“ haben das schon immer zu verhindern gesucht mit dem Hinweis: „Sie sind nicht homosexuell, sie sind nicht heterosexuell, sie sind Puppen. Sie existieren unterhalb der Taille nicht.“

Zumal wir doch gerade gesellschaftlich lernen, dass es selbst bei einer Existenz unterhalb der Taille offenbar deutlich mehr Spielformen gibt als die eines simplen Homo- oder Hetero-Empfindens. Die Kinderzimmer nun aber via Sesamstraße mit dem schwer entzifferbaren LGBT-, LSBTTIQ- oder LSBTTI*-Alphabet zu konfrontieren, würde vermutlich erst einmal nur neue Formen der Rechtschreibunsicherheit hervorrufen.

Das hat sich offenbar inzwischen auch Mark Saltzman gedacht, als er der „New York Times“ nun eröffnete, er sei missverstanden worden. Er habe nur die Gegensätzlichkeit der beiden Puppen mit der zwischen ihm und seinem 2003 verstorbenen Lebenspartner Arnold Glassman verglichen. „In der Aufregung wurde daraus irgendwie: Bert und Ernie sind schwul.“ Was man halt so sagt, wenn das Sexuelle den Pulsschlag in die Höhe treibt.

Nun ist das kurze Outing der beliebten Puppen wieder einkassiert, ihr Verhältnis bleibt weiter offen und jeder kann sich seinen Teil denken. Letztlich könnten nur die beiden selbst für endgültige Klarheit sorgen. Aber vom biederen Bert ist solche Offenheit eher nicht zu erwarten. Und Ernie wird sich bei dem Thema vermutlich nur die Hand vor den  offenen Mund schlagen und kehlig lachen: „Chrrrrrrrrrrrrr!“

Mehr von Westdeutsche Zeitung