1. Panorama
  2. Gesellschaft

Was Vornamen über die Menschen aussagen: Alessandra — die Attraktive

Was Vornamen über die Menschen aussagen: Alessandra — die Attraktive

Hat Chantal die gleichen Chancen im Leben wie Elisabeth? Ein Philologe erforscht, welches Image einem Namen anhaftet — und zieht daraus Schlüsse.

Düsseldorf. „Namen sind Schall und Rauch“, sagt der Volksmund und meint damit, dass es für das Leben und die Eigenschaften eines Menschen bedeutungslos ist, wie er heißt. Stimmt das? Hat Chantal die gleichen Chancen wie Elisabeth? Oder bestimmen die Eltern mit dem Namen den Charakter und sogar das Schicksal ihres Kindes?

Was Vornamen über die Menschen aussagen: Alessandra — die Attraktive
Foto: NN

Eine Antwort darauf gibt Thomas Liebecke. Der Philologe und Namenskundler aus Leipzig weist in seiner Internet-Umfrage „Das Vornamen-Experiment“ nach, dass Vornamen ein bestimmtes Bild im Kopf auslösen und mit allgemeingültigen Vorstellungen und Erwartungen verbunden sind.

Cornelius ist der Intelligenteste, Rosemarie die Liebste, Alessandra die Attraktivste und Vladimir der Größte — so lauten vier Thesen der Umfrage. „So formuliert, ist es sicher sehr plakativ“, rückt Liebecke zurecht, ohne zu widersprechen.

Die Wertungen sagen zwar nichts darüber aus, wie einzelne Namensträger sind, wohl aber, welches Image ihrem Namen anhaftet. Das hängt unter anderem mit den persönlichen Erlebnissen der Umfrage-Teilnehmer zusammen. So auch bei Liebecke: „Ich hatte mehrfach schlechte Erfahrungen mit Trägern eines Namens gemacht und wollte wissen, ob es anderen ähnlich geht.“

Rund 541 000 Nutzer haben bislang bei der Online-Umfrage mitgemacht, haben Onogramme (namenskundliche Assoziationsdiagramme) zu einzelnen Vornamen ausgefüllt und diese von „weit bekannt bis unbekannt“, von „groß bis klein“, von „arm bis reich“ bewertet. In die Ranglisten aufgenommen wurden nur Namen, die mindestens 50 Stimmen aufweisen — bislang mehr als 1700.

Nun wissen wir, dass Sofia gut klingt, ebenso wie Angelo. Warum? „Vokalreiche Namen mit offenen Silben gelten als wohlklingend. Bei weiblichen tritt oft ein tragendes i, bei männlichen eher ein dunkler Vokal wie o und a auf“, erklärt der Namenskundler. Und: Vom wohlklingenden Namen wird des Öfteren auf eine attraktive Person geschlossen.

Sportliche Namen „sind auffallend kurz, oft einsilbig“, wie Kay oder Jane. Allerdings gelten auch Cristiano (Ronaldo) und Miroslav (Klose) als sportlich, der aktuellen Vorbilder wegen.

Kurze Namen auf i oder y wie Charly und Lilli wirken jung, lustig und frech. Doch warnt Liebecke: „Was für ein Kind ganz treffend sein mag, kann im Erwachsenenalter unangemessen wirken. Vielleicht wäre dem Kind dann wohler, wenn es Richard statt Ricky hieße.“ Entsprechend rät er bei der Namenswahl eher zur Vollform. Elisabeth klingt erfolgreicher als Lisa. Namen mit lateinischen oder griechischen Wurzeln erscheinen per se intelligent und erfolgreich.

Auch Namen sind Moden unterworfen. Liegt ihre Hoch-Zeit länger zurück, werden sie als alt empfunden und umgekehrt. Wie gut, wenn man weder Gertrude (alt) noch Leonie (gerade jung), sondern zeitlos Anna heißt. Tipp des Philologen: Mehrere Vornamen geben, ausgefallene mit neutralen verbinden. „So kann das Kind später auf einen anderen Vornamen ausweichen.“

Negative Tendenzen wurden im Experiment ebenfalls offenbar. Namen wie Justin und Jacqueline werden oft als weniger intelligent und arm angesehen. Liebecke: „Enttäuscht hat mich, wie undifferenziert Namen, die auf einen Migrationshintergrund hindeuten, bewertet wurden.“

Auch die Oldenburger Erziehungswissenschaftler Kaiser und Kube wurden mit Vorurteilen konfrontiert, als sie 2009 für eine Online-Studie knapp 2000 Grundschullehrer befragten: Vornamen wie Charlotte oder Simon wurden freundlicher bewertet, Namen wie Chantal und Kevin eher mit Leistungsschwäche und Verhaltensauffälligkeit assoziiert. Exotisch klingende Namen und solche mit Vorbildern in der Unterhaltungsindustrie haben es schwerer.

Prägt also der Name den Charakter? Nein, meint Liebecke, vielmehr bestehe ein Zusammenhang zwischen sozialem Status der Eltern und Namensmoden. „Wesentlich wichtiger als der Name ist, dass ein Kind seine Fähigkeiten nutzen lernt und mit Neugier durchs Leben geht.“ Egal, ob es nun Chantal oder Elisabeth heißt.

Auch wenn es also an jedem Einzelnen liegt, seinen Namen mit Inhalt zu füllen, Eigenschaften zu entwickeln und sein Leben zu gestalten, würde sich Liebecke doch wünschen, dass Eltern die Namenswahl gründlich durchdenken. Dabei helfen Onogramme, indem sie zum Beispiel negative Bedeutungen aufzeigen. Er selbst ist mit seinem Vornamen „ganz glücklich“: Thomas sei „ein eher zeitloser Name, dessen Onogramm recht ausgeglichen ausschaut“.