Warum ein Wuppertaler Club Handy-Kameras zuklebt

Digitaler Tunnel : Party ohne Smartphone - warum ein Wuppertaler Club Handy-Kameras zuklebt

Nach den Anti-Smartphone Aufrufen von Popgrößen, wie Adele oder Rihanna, gibt es auch in Wuppertal die erste handyfreie Party.

In Deutschland nutzen mittlerweile 60 Millionen Deutsche ein Smartphone, Tendenz steigend. Auch die Nutzungszeiten erhöhen sich von Jahr zu Jahr. Das Smartphone beherrscht unseren Alltag. Ob es die zweite Mahlzeit des Tages ist oder der Zug mal wieder fünf Minuten Verspätung hat, jeder noch so banale Moment muss offenbar dokumentiert und kommuniziert werden. Teilweise macht es den Anschein, dass Freizeitaktivitäten danach ausgesucht werden, wie „instagramable“ sie sind. Zumindest unterbewusst. Es scheint ein regelrechter Wettlauf um die bestmögliche Selbstdarstellung im Netz entbrannt zu sein. Das eigene Instagram-Profil gilt bei jüngeren Generationen als persönliche digitale Visitenkarte.

„Ich teile also bin ich.“ - Dieses Motto gilt insbesondere auf Konzerten oder bei Clubbesuchen. Einige Veranstalter und Künstler gehen dazu über Smartphones zu verbieten. Sie verzichten so auf die Gratis-PR die ihnen die Besucher bescheren, doch das Thema spaltet Konzertbesucher. Einige fühlen sich von der Smartphone-Filmerei genervt. Hinzu kommt, dass auf den Videos in der Regel wenig bis gar nichts zu erkennen ist, je nach Gerät hört man zudem nur ein dumpfes Rauschen des Basses. Unabhängig von der schlechten Qualität der Videos, werden die meisten wahrscheinlich ohnehin kein zweites Mal geschaut.

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Ein prominentes Beispiel im Streit um das Filmen auf Konzerten ist die britische Sängerin Adele, die bereits 2016 auf einem Konzert eine Zuschauerin direkt dazu auffordert der Show doch lieber live zu folgen und sie zu genießen. Unabhängig vom persönlichen digitalen Tunnel in dem sich der Filmende befindet, wird es auch für Künstler zunehmend schwieriger das eigene Publikum einzuschätzen und im Konzertverlauf auf Stimmungen einzugehen.

Auch in Clubs ist das Phänomen zu beobachten. Vielerorts wird auf der Tanzfläche lieber gefilmt statt getanzt. Bezeichnend hierfür ist die Entwicklung des Bootshaus in Köln-Mülheim. Der ehemalige Untergrund-Club hat vor Kurzem seine eigene App vorgestellt und erfreut sich seit einigen Jahren massiver medialer PR die durch das eigene Publikum produziert wird. Mittlerweile wird das Bootshaus in den DJ Mag Top 15 der weltweit besten Clubs gehandelt. Getanzt wird seither weniger.

Das Gegenmodell dazu sind Smartphone-freie Clubs. Läden in Hamburg und Berlin sind in Deutschland die Vorreiter. Dort werden Smartphones vor dem Betreten des jeweiligen Clubs beispielsweise mit einem Sticker verplombt. Zieht man den Sticker ab, droht ein Hausverbot.

Nach Hamburger und Berliner Vorbild gehen nun auch lokale Clubs dazu über Smartphone-freie Partys zu veranstalten. Mit ihrer Party: „Savour the Moment“ sorgte die Wuppertaler Mauke am 26. Oktober für eine Smartphone-freie Atmosphäre. Nicolas Moll, Teil des Mauke-Teams beantwortete unserer Redaktion einige Fragen zum handyfreien Feiern.

Moll gefällt an dem Konzept besonders „die Message der Reihe, ein ganz bewusstes Konsumieren ohne 24/7abrufbar zu sein.“ Aufmerksam wurde er durch einen befreundeten Künstler (Marlon Hoffstadt), der das Format bereits in der „Wilden Renate“ in Berlin veranstaltet.

Auf die Frage hin wie das Konzept in Wuppertal angekommen ist, musste Moll eine gemischte Rückmeldung geben: „Viele Leute waren verwundert, dass wir Ihre Handykameras mit Stickern abgeklebt haben und einige hat es geärgert, die meisten aber haben durch diese Aktion aber direkt angefangen drüber nachzudenken.“ Das sei in den Augen des Mauke-Teams auch eigentlich der größte Impuls.

Partys werden dadurch nicht unbedingt besser, meint Moll. „Letztendlich kommt es auf viele Faktoren an, jedoch führt der Verzicht auf das Handy automatisch zu einer gewissen Freiheit, die man sich sonst so nicht erkaufen kann.“

Nach dem ersten Testlauf, soll es Veranstaltungen die dem Berliner Konzept folgen, künftig öfter in der Mauke geben.

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