Medienexperte stellt Talkshows auf den Prüfstand

Medienexperte stellt Talkshows auf den Prüfstand

Berlin (dpa) - Die neue Talkshow-Struktur am späten Abend hat das Profil der einzelnen Sendungen aus Sicht des Medienexperten Bernd Gäbler „verwässert“.

Vor allem die Sendungen „hart aber fair“, „Anne Will“ und „Beckmann“ seien noch in der „Such- und Erprobungsphase“, wie Gäbler in seiner neuen Studie „Talkshows auf dem Prüfstand“ feststellt. Gäbler, Professor im Fachbereich Medien der Fachhochschule des Mittelstands in Bielefeld, hatte zu diesem Zweck im Auftrag der Otto Brenner Stiftung (Frankfurt) im September und Oktober 32 Sendungen analysiert.

Die Formate, nach Günther Jauchs neu hinzugenommenem Sonntagstalk fünf an der Zahl, wollen laut Gäbler eine Öffnung zur „Lebenswirklichkeit der Zuschauer“, allzu oft sei ihnen aber „eine durchschaubare Spekulation auf Quotenträchtiges anzumerken“. Es gebe keine schärfere Abgrenzung der Formate und klarere Profilierung, sondern eine „Vervielfachung des Ähnlichen“, schreibt Gäbler, der einen neuerlichen Schub weg von der Politik, hin zur Unterhaltung verzeichnet.

Dieser Feststellung widersprach der ARD-Chefredakteur Thomas Baumann. „Unsere Gesprächssendungen sind nicht weniger politisch geworden“, sagte er am Dienstag. „Euro-Krise, Gaddafis Tod, brauner Terror, Renten - alle Spitzenthemen haben wir behandelt. Auch Themen wie die Verschwendung von Lebensmitteln oder Bildung und Schule sind nicht weniger politisch, nur weil sie keine "Aufmacher-Nachrichten" darstellen.“

Die Studie widerspricht da nicht und nennt als alles überragendes, nahezu monothematisch dominantes Talk-Thema die Euro-Krise - aber: „Nie ist es da gelungen, den verantwortlichen Finanzminister, einen noch aktiven Banker oder operativ verantwortliche EU-Politiker zu vernehmen“, moniert Gäbler. „In immer ähnlichen Konstellationen wurde vor allem mit Frank Lehmann, Anja Kohl oder "Mister Dax", Dirk Müller, debattiert. Als Unternehmer tauchten bevorzugt Wolfgang Grupp (Trigema) oder Ernst Prost (Liqui Moly) auf.“ Mit großem Abstand nach dem Euro folgten als häufige Talk-Themen: Burn-out, die Kombination Alter/Rente/Pflege und der Papst-Besuch.

Die Politiker sind laut Gäbler als eingeladene Gäste fast zur Randgruppe geworden. Von den 152 Gästen in den ersten 32 Sendungen seien gerade einmal 30 aktive Politiker gewesen. „Die größte Gästegruppe sind Medienfiguren, vor allem Menschen, die bereits aus dem Fernsehen bekannt sind“, konstatiert Gäbler. „Ob Dieter Thomas Heck, Peter Kraus, Howard Carpendale, Jürgen Milski aus "Big Brother", RTL-Moderatorin Nazan Eckes, Tim Mälzer, Tim Raue oder Veronica Ferres - sie alle diskutieren munter mit in Talks“, die laut ARD eigentlich „politische Gesprächssendungen“ hätten sein sollen, meint Gäbler.

ARD-Chefredakteur Baumann sagte, dass „in den allermeisten dieser Sendungen zu politischen Themen“ nachweislich auch aktive Politiker Gäste seien. „Politiker haben aber kein Privileg, über politische Themen zu sprechen. In diesem Sinne laden wir bewusst auch kompetente Menschen ein, die sich nicht von Berufs wegen mit einem politischen Thema befassen, aber dazu einfach etwas zu sagen haben.“

Gäbler hatte bereits vor Beginn der neuen ARD-Programmierung im Sommer die Strategie kritisiert, verstärkt auf Talk zu setzen. In seiner Untersuchung „...und unseren täglichen Talk gib uns heute!“ hatte er unter anderem die mangelnde Vielfalt der Sendungen, oft wiederkehrende Gäste und den Talk als Ersatzparlament kritisiert.

Mehr von Westdeutsche Zeitung