Holocaust-Gedenktag: Vor den Nazis geflüchtete Jüdin Eva Mendel (103) erzählt

Holocaust-Gedenktag : 1934 vor den Nazis geflüchtet - Eva Mendel (103) fühlt sich noch als Deutsche

Eva Mendel ist 103 Jahre alt und lebt in Jerusalem. 1934 flüchtet die Jüdin aus ihrer Heimatstadt. Die deutsche Sprache hat sie nie verlernt.

Auf Eva Mendels Nachttisch steht ein schwarz-weißes Bild von ihrem Geburtshaus in Stettin – heute Szczecin in Polen. Die 103-jährige deutschstämmige Israelin ist seit ihrer Flucht vor den Nazis 1934 nicht mehr dort gewesen. Doch das Foto hütet die hochbetagte Dame wie einen Schatz. Auf dem runden Balkon des herrschaftlichen Hauses sind die winzigen Gesichter von drei Kindern zu sehen – Eva und ihre beiden Geschwister. Auch an die Anschrift erinnert sie sich nach fast neun Jahrzehnten: Drei Eichen 2a.

Mendel konnte selbst noch rechtzeitig aus Deutschland fliehen, hat jedoch Angehörige im Holocaust verloren. In Israel wohnen acht Jahrzehnte nach Beginn des Zweiten Weltkriegs noch rund 220 000 Holocaust-Überlebende. Dazu zählen auch Juden wie Mendel, die in den Dreißigerjahren gezwungen waren, Deutschland zu verlassen. Am Sonntag ist Internationaler Holocaust-Gedenktag.

Ihren Lebensabend verbringt Mendel in einem Jerusalemer Altersheim. Wie steht sie nach all den Jahren zu ihren deutschen Wurzeln? „Ich fühle mich noch als vergangene Deutsche“, sagt sie mit einem Lächeln. „Ich bin ja schon von 1934 an bis jetzt hier.“ Mendel wirkt zerbrechlich, aber hellwach.

Geboren wird sie als Eva Dorothea Cohn, am 15. Januar 1916, mitten im Ersten Weltkrieg. In einem bunten Fotoalbum, das ihre Familie ihr zum 100. Geburtstag geschenkt hat, ist sie als lächelndes Baby zu sehen, das nackt auf einer Decke liegt. Doch die Idylle täuscht – in Mendels Geburtsjahr tobt bei Verdun in Frankreich eine der furchtbarsten Schlachten der Menschheitsgeschichte.

Auch Mendels Vater, der jüdische Anwalt Martin Cohn, kämpft auf deutscher Seite im Krieg gegen Frankreich. Er kommt an der Westfront ums Leben, als sie erst zwei Jahre alt ist. „Er ist in Frankreich für Deutschland gefallen“, erzählt Mendel.

Stettin, Stadt an der Odermündung, war damals Teil des Deutschen Reichs. Die dort lebenden Juden hätten sich nicht von anderen deutschen Juden unterschieden, sagt der deutsch-israelische Historiker Moshe Zimmermann. „An dem deutschen Charakter Stettins konnte damals kein Zweifel bestehen“, sagt der emeritierte Professor von der Hebräischen Universität. Erst nach 1945 wurde Stettin zum polnischen Szczecin und die deutschen Bewohner vertrieben.

In der Mädchenschule in Stettin seien außer ihr nur ganz wenige Juden gewesen, erinnert sich Mendel. In ihrer Klasse habe sie antisemitische Anfeindungen von Mitschülerinnen erfahren. „Im Winter kam ich rein in die Klasse, da war auf dem Fenster alles beschlagen, und da waren überall Hakenkreuze angemalt“, erinnert sie sich.

Zu Beginn der 12. Klasse wird die 17-Jährige dann schriftlich informiert, dass sie die Schule wegen ihrer jüdischen Herkunft nicht mehr besuchen darf. Mendel flieht aus der Heimat und kommt 1934 ins damalige, noch sehr unwirtliche Palästina. Die Bewegung Aliat Hanoar hilft ihr dabei.

Im Kibbuz „Ein Harod“ lernt Eva Mendel Hebräisch

Die in Berlin gegründete jüdische Organisation versucht, möglichst viele Kinder und Jugendliche vor den Nazis in Sicherheit zu bringen. Im Kibbuz „Ein Harod“ lernt Mendel erst einmal Hebräisch, später wird sie in Jerusalem zur Säuglingsschwester ausgebildet.

Beim Novemberpogrom 1938 geht die Stettiner Synagoge in Flammen auf. Stettin sei 1940 die erste deutsche Stadt gewesen, aus der Juden vertrieben wurden, sagt Historiker Zimmermann. 1500 Juden werden in Lager in Polen deportiert.

Ihre Mutter sei ihren drei Kindern nach Palästina gefolgt, während ihr zweiter Ehemann in Stettin zurückblieb, erzählt Mendel. Er habe dort als Anwalt Juden „mit Geldangelegenheiten geholfen, er hat gesagt, er kann noch nicht weg“, sagt Mendel. „‚Der Kapitän verlässt als letzter das Schiff‘, das waren seine Worte. Und das Schiff konnte er nicht mehr verlassen.“ Nach seiner Festnahme durch die Nazis sei ihr Stiefvater nach Polen verschleppt worden, erzählt die 103-Jährige. „Und da ist er erschossen worden, im Wald.“

Ihren zukünftigen Mann, Robert Mendel aus Hamburg, lernt sie 1941 als junge Frau bei einer Party in Jerusalem kennen. „Ich habe ihn im Mai kennengelernt, und im Herbst haben wir geheiratet.“ Robert ist ein Sohn des jüdischen Hamburger Senators Max Mendel. Max Mendel wird 1942 gemeinsam mit seiner Frau Ida und seiner Schwiegermutter ins KZ Theresienstadt deportiert, wo alle drei ums Leben kommen.

Für ein langes Leben: Sport und gute Ernährung

Während Adolf Hitler in der alten Heimat über Millionen Menschen Tod und Verderben bringt, versuchen die Mendels in Palästina sich eine neue Heimat aufzubauen. Joram, der erste Sohn, wird im Februar 1943 geboren. Mit ihm und ihrem zweiten Sohn Amos spricht Eva Mendel viel Deutsch, bis die Kinder in die Schule kommen. Was ist das Geheimnis ihres langen Lebens? „Ich war Sportlerin, habe gearbeitet und habe mich auch gut ernährt“, sagt sie. „Meine Geschwister haben nicht so lange gelebt.“ Ihr Geburtshaus in Stettin hat aber nur ihr Enkel besucht. „Ich bin nie wieder zurückgegangen.“

(dpa)
Mehr von Westdeutsche Zeitung