Harter Weg: Wie sich ein Langzeitarbeitsloser zurück ins Arbeitsleben kämpft

Harter Weg: Wie sich ein Langzeitarbeitsloser zurück ins Arbeitsleben kämpft

Ein Düsseldorfer kämpft sich zurück. Der Weg aus Langzeitarbeitslosigkeit in den öffentlichen Dienst war hart. Das Protokoll einer mühsamen Rückkehr.

Düsseldorf. Im Juli 2012 steht Günter Scholz (Name geändert) morgens auf und sagt sich: „Es reicht jetzt.“ Das klingt wie in einem schlechten Kitschroman. Doch für den Düsseldorfer ist diese Willensbekundung tatsächlich der Auftakt für den harten Weg aus der Langzeitarbeitslosigkeit zurück in den ersten Arbeitsmarkt. Heute, mit 54 Jahren, steht er in Diensten einer Stadt am Niederrhein — und sagt: „Manchmal denke ich, ich bin im Film.“ Niels Riskes erinnert sich noch genau an die erste Begegnung mit Scholz vor vier Jahren: „Er sagte, hier ist mein Zeitplan und Sie helfen mir bei der Umsetzung. Bis Weihnachten 2015 will ich meinen Führerschein haben.“ Der Sozialarbeiter der Caritas lacht: „Wenn mal alle so strukturiert wären.“

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Riskes (47) betreut die Menschen, die den Sprung geschafft haben von den Ein-Euro-Jobs in eine öffentlich geförderte Beschäftigung und Qualifizierung — mit festem Vertrag und fester Bezahlung für zwei Jahre. Zwei Jahre, in denen es gilt herauszufinden: „Was kann er, was will er, was fragt der Arbeitsmarkt nach?“ Die meisten Langzeitarbeitslosen, die ausgewählt werden, stehen die Zeit zwar durch. Aber nur ein Drittel findet danach auch einen Job im ersten Arbeitsmarkt. Für den Rest ist es erst einmal vorbei mit jeder Förderung — der Grund, warum die Caritas wie andere Sozialverbände darauf drängt, einen sozialen Arbeitsmarkt einzurichten, um diese Menschen auffangen zu können.

Als Scholz vor Riskes steht, hat er vieles im Gepäck, was das Leben schwierig macht. Aus der Düsseldorfer Punk- und der Berliner Hausbesetzerszene heraus war er nach dem Schulabbruch bei der Bundeswehr gelandet. Als er in der Düsseldorfer Kultkneipe Ratinger Hof einen Nebeltopf zündet, erhält er eine Bewährungsstrafe und wird unehrenhaft entlassen. Irgendwann mal eine Lehre, irgendwann mal die Selbstständigkeit mit einem Kleingewerbe — vor allem aber zehn Jahre Arbeitslosigkeit und viel Alkohol.

Jener Morgen im Juli 2012 durchbricht den Kreislauf von Entgiftung und neuem Rausch. Scholz sagt, er habe nicht mehr Sklave von Alkohol und Drogen sein wollen. Er durchläuft eine Therapie und bleibt trocken — bis heute. In der Radstation des Düsseldorfer Arbeitslosenzentrums ZWD findet er einen Ein-Euro-Job. Dann traut ihm das Jobcenter den Wechsel zur Mobilen Gruppe des Düsseldorfer Caritasverbandes zu: Gartenbau, Hausmeister- und Winterdienst, Renovierungsarbeiten, Entrümpelung. Zwei Jahre, um zurückzufinden in den geregelten Tagesablauf eines Berufslebens.

Scholz gehe reflektiert mit seinen Fähigkeiten um, sagt Riskes. „Er kann auch benennen, was er nicht kann.“ Zur Teamarbeit sieht sich der bekennende Einzelkämpfer beispielsweise nicht berufen. Dennoch wird er in der Mobilen Gruppe zu so etwas wie einer Vaterfigur für die Jüngeren.

Im zweiten Jahr beginnt die Berufssuche. „Von der ersten Begegnung bis zum Job werden etwa 40 Gespräche von einer Dreiviertelstunde geführt“, zitiert Sozialarbeiter Riskes die Statistik. Und da sind Arbeiten am Lebenslauf und den Bewerbungen sowie Gespräche mit potenziellen Arbeitgebern noch nicht eingerechnet.

Riskes geht gerne auch mal unkonventionelle Wege. Einen Bewerber schickte er in Arbeitskleidung und mit Lkw zum Bewerbungsgespräch, um zu zeigen: Der kann wirklich anpacken. Auch Scholz schwört sich am Ende der zwei Jahre: „Ich gehe hier nicht raus und bin wieder arbeitslos.“

Das Glück will es, dass ihm das Jobcenter im Anschluss noch den Lkw-Führerschein finanziert — mit Erfolg. Im Sommer 2016 findet er seine erste Stelle auf dem freien Arbeitsmarkt: bei einer Spedition. „Aber das hatte ich mir romantischer vorgestellt.“ Die Knochenarbeit hält er nicht lange durch. Doch dann bietet sich die Chance, zu einem kommunalen Bauhof zu wechseln. 13 Monate ist das jetzt her. „In diesen 13 Monaten habe ich gezeigt, dass ich arbeiten kann und arbeiten will.“

„Krass“ findet Scholz das alles im Rückblick, das Wort „Stolz“ mag ihm nicht über die Lippen kommen. Dabei wäre es berechtigt: Im Frühjahr steht der Wechsel in die unbefristete Beschäftigung an.

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