Gastbeitrag zum Weltfrauentag: Große Lust, was Falsches zu sagen

Gastbeitrag zum Weltfrauentag: Große Lust, was Falsches zu sagen

Düsseldorf. Jetzt darf ich bloß nichts Falsches sagen. Dabei möchte ich eigentlich was Falsches sagen. Einfach so, aus großer Lust, das Falsche zu sagen. Woher kommt nur auf einmal diese große Lust?

Der unbändige Trieb, unartig zu sein. So wie ein trotziges Kind.

Einfach das Falsche machen, auch wenn ich ganz genau weiß, dass es das Falsche ist. Auch wenn ich genau weiß, dass dann der Shitstorm kommt. Welch ein unschönes Wort. Ich verwende das Wort jetzt hier einmal, weil es das beschreiben soll, was dann wohl kommt. Aber ich werde das Wort nie, nie wieder verwenden. Das wird das einzige Mal gewesen sein, dass ich Shitstorm verwendet haben werde. Shitstorm, shitstorm, shitstorm. So.

Warum habe ich überhaupt so riesengroße Lust, mich daneben zu benehmen? Weil das Ende des Sich-daneben-Benehmens gekommen ist? Weil alles durch jeden gehashtagt, geteilt und geviertelt, geliked und beurteilt wird?

Obwohl: Als Frau darf man sich wahrscheinlich noch etwas länger daneben benehmen. Das ist doch süß, oder?

Klar geht es nicht, sexuell belästigt zu werden. Oder auch sonst wie belästigt zu werden. Das haben wir jetzt alle herausgefunden als Schwarmintelligenz, weil es den Hashtag bekommen hat. Ich habe ehrlich gedacht, das wäre klar gewesen.

Wie? Was? Es ist trotzdem vorgekommen? Und keiner hat davon gewusst? Und sind jetzt wirklich alle so erstaunt?

Ich möchte das auf keinen Fall kleinreden, dass die #MeToo-Aktion vielen Frauen geholfen hat, dass sie sich jetzt trauen zu erzählen, dass ihnen Unrecht widerfahren ist. Vorher haben sie sich vielleicht eben nicht getraut, weil jede für sich gedacht hat, sie ist dann die Einzige, die das verrät, und dass sie dann ausgeschlossen wird aus den privilegierten Kreisen.

Interessanter ist für mich daran das unermessliche Glatteis, das diese Debatte ausgebreitet hat, sodass jeder jetzt aufpassen muss, dass er oder sie nicht ausrutscht und unten liegt. Und es scheint jetzt wirklich sehr, sehr leicht zu sein, auszurutschen und dann dazuliegen. Die, die noch stehen, feixen dann und trippeln bedächtig weiter, ohne die Füße zu weit vom Boden zu heben, um bloß nicht auch gleich unten zu liegen.

Deswegen sagt man besser etwas Unverfängliches, das am besten eh schon abgesegnet ist durch tausend Likes. „Ja, ich find’s auch doof.“ Gut, nicht? Oder man nimmt Anlauf und schlittert einfach mal drüber übers Eis, es ist ja Frauentag!

Der Schwanz wird nach hinten hin nicht kürzer, hat der Benno gestern auf der Zugfahrt gesagt. Was hat er da gesagt? War das nicht ein bisschen komisch? Immerhin war der Benno richtig schick angezogen. Da hab ich ihm einen Klaps auf den Po gegeben, und der Benno hat einen richtigen tollen Po, und ich habe gesagt: Jetzt zeig mal, was du kannst. Das war die Premiere unseres Films in Düsseldorf. Ich war natürlich nicht schick angezogen. Weil ich bin ja eine Frau. Deswegen hat der Benno auch einen Koffer, der zweimal so groß ist wie meiner.

Vom Benno bin ich schon ein bisschen beeindruckt. Erst dachte ich: „Was, der?“, als ich darauf gekommen bin, dass er die Rolle von Leopold, dem chauvinistischen Angeber, spielen sollte. Und er hat recht schnell Ja gesagt, obwohl es für einen Schauspieler schon ein bisschen mutig ist, sich in so ein Rollenklischee hinein zu begeben. Und er hat es auch durchgezogen.

Oder habe ich ihn doch zu schlecht behandelt? Habe ich vielleicht den Hilferuf nicht bemerkt in seinem Blinzeln, als ich ihn genötigt habe, Kontaktlinsen zu tragen? War ich zu sexistisch?

Hätte es nicht sein müssen, dass er mit Lina, also im Film Luisa, oder eben Ann aufs Klo will, um ihr ins Gesicht zu spritzen? Oder die Vergewaltigungsszene, die auch ein bisschen lustig ist? Das ist nicht pc. Das ist nicht korrekt. Ich weiß das schon, ich wurde auch schon angegriffen, kann nur froh sein, dass ich noch keinen dicken fetten Hashtag verpasst bekommen habe. Tja. Weglassen oder anders machen würde ich es wohl trotzdem nicht. Oder Benno?

Ich weiß jetzt auch, warum ich schon vor zehn Jahren aufs Land gezogen bin. Da kommt um 8 die Frau Jäger und fegt den Platz vor der Kirche, um jedem zu zeigen, dass sie die einzig zuverlässige Eineurojobberin ist, und um 3 steht der Hubi da an der Bushaltestelle, und um 7 macht die Berit den Frisier- und Schönheitssalon zu und der heißt Pretty Woman.

Und dann sind die ganzen wichtigen Hashtags irgendwann so unwichtig, dass man gar keine Meinung dazu haben muss. Dann vergisst man „Spiegel online“ und auch das Facebook und manchmal sogar die Wetterapp. Dann schaut man aufs Thermometer, um zu erfahren, wie warm oder kalt es gerade ist. Und manchmal, aber auch nur ganz manchmal, vergisst man sogar das Thermometer und man ist draußen und sagt dann einfach: „Heute ist es ganz schön kalt.“

Jetzt bin ich aber abgeschweift.

Wahrscheinlich muss die Welt schon Hashtags haben, damit jeder alles wissen kann. Ich kenne Uma Thurman nicht und auch Herrn Weinstein und Joachim Fuchsberger nicht, ach nein, ich meine natürlich den Herrn Wedel. Den Mario Adorf, den kenne ich, aber der braucht keinen Hashtag. Auch der Benno nicht, der braucht auch keinen. Na ja, vielleicht einen kleinen, aber das ist ja jetzt sowieso ein Frauenfilm, den er am Weltfrauentag startet. Gerade noch mal Glück gehabt. Obwohl, so ganz okay ist das nicht, was in dem Film passiert. Oder?

„Fühlen Sie sich manchmal ausgebrannt und leer?“ Ich schon.

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