Genitalverstümmelung: „Das war die Hölle damals“

Genitalverstümmelung: „Das war die Hölle damals“

Als Fünfjährige wurde sie beschnitten. Das war in Somalia. Inzwischen lebt die Afrikanerin in Deutschland und will anderen Mädchen ihr Schicksal ersparen.

Düsseldorf. "Heute bist du dran", sagte Jawahirs Großmutter eines Tages. "Du wirst im Krankenhaus beschnitten." Die Fünfjährige hatte schon von dieser Tradition gehört: An dem Tag, als die Nachbarstochter in der Wohnung nebenan schrie.

Was genau die Beschneiderin ihrer Freundin antat, wusste Jawahir aber nicht. "Wenn du tapfer bist", versprach ihr die Großmutter, "bekommst du Eis und Kinokarten."

Doch das Erwachen aus der Narkose war ein Albtraum. Das Mädchen hielt die Schmerzen kaum aus, seine Beine waren fest verschnürt. Die Kleine trank kaum, um nicht auf die Toilette gehen zu müssen. Sie hatte Angst vor dem brennenden Schmerz, wenn der Urin aus ihrem beschnittenen, zugenähten Geschlecht durch die nur noch kleine Öffnung tropfte.

"Das war die Hölle damals." Bis heute hat Jawahir Cumar diese Erinnerungen an ihre Kindheit in Mogadischu (Somalia) nicht vergessen. Andere Mädchen will sie davor bewahren: In Düsseldorf leitet sie die Beratungsstelle "Stop Mutilation", die einzige in NRW.

Die 31-Jährige ist eine von 150 Millionen beschnittenen Frauen und Mädchen weltweit. In 28 Ländern in Afrika und im Mittleren Osten gibt es die Tradition, bei der viele Kinder verbluten.

Auch in Deutschland sind sie nicht sicher: Bundesweit leben rund 60000 Frauen aus Ländern mit diesem Brauchtum. Über 20000 von ihnen sind bereits beschnitten, 4000 bis 5000 möglicherweise in Zukunft davon betroffen, befürchten Unicef und Terre des Femmes.

Manchmal träumt Cumar noch von Somalia. Gerne sogar: "Bis auf den Tag meiner Beschneidung hatte ich eine schöne Kindheit", versichert die 31-Jährige. Als die Familie 1988 nach Deutschland zog - der Vater hatte in Bonn Arbeit gefunden -, war das Mädchen traurig: Sie vermisste ihre Sprache, die Fröhlichkeit der Afrikaner, die Sonne.

Jawahir fror, als sie ihren ersten Schnee erlebte, in ihrer ersten Winterjacke fühlte sie sich wie eingeklemmt. Doch als sie nach wenigen Monaten die neue Sprache beherrschte, änderte sich ihr Leben. Sie fand Freunde. Eine neue Heimat.

Eines aber blieb: das Ritual der Genitalverstümmelung. Die nennt Cumar auch in Deutschland ein "Riesenproblem". Aus Gesprächen in der Beratungsstelle weiß sie: Mädchen werden in den Sommerferien in ihren Heimatländern beschnitten, Ärzte in Deutschland bieten den Eingriff illegal an oder Familien lassen eine Beschneiderin einfliegen, die mehrere Mädchen verstümmelt. "Das kostet 1500 bis 2000 Euro pro Kind", sagt Cumar.

Eine Studie erhärtet ihren Verdacht: 2005 veröffentlichten Unicef, Terre des Femmes und der Berufsverband der Frauenärzte eine Umfrage unter deutschen Gynäkologen, bei der rund 500 Mediziner mitmachten. 35 Befragte wussten von Patientinnen, die ihre Töchter in der Heimat beschneiden lassen wollten, 48 hatten von Beschneidungen in Deutschland gehört, drei Ärzte wurden sogar gefragt, ob sie selbst diesen Ritus anbieten.

Es sei schwer, "eine jahrhundertealte Tradition von heute auf morgen" zu ändern, sagt Jawahir Cumar. Sie sei zu fest in den Köpfen der einflussreichen Großmütter verankert. Für die Alten ist der Brauch ein Akt der Fürsorge: Eine unbeschnittene Frau gilt als Schande für die Familie, als Prostituierte.
Wer es wagt, sich gegen die Tradition aufzulehnen, wird in einigen Kulturen sogar verstoßen.

Fatal: Nur eine Heirat bietet den meist benachteiligten Frauen die Chance auf ein besseres Leben. Die Beschneidung soll die Jungfräulichkeit der Mädchen schützen, ihre Keuschheit, Sauberkeit - Argumente, die die Alten auf religiöse Vorschriften stützen. Doch es gibt keine Religion, die dieses Ritual fordert.

"Immerhin", sagt Jawahir Cumar sarkastisch, "wurde ich unter Vollnarkose beschnitten." Traditionell werden die Mädchen - meist zwischen vier und zwölf Jahren - bei vollem Bewusstsein von mehreren Frauen zu Boden gedrückt. Eine Beschneiderin setzt die Schnitte mit Scherben oder Rasierklingen. "Oft werden sie jahrelang nicht gewechselt", sagt die Düsseldorferin.

Komplikationen bei der Geburt, Schmerzen beim Geschlechtsverkehr und psychische Probleme sind nur einige Beispiele für ein lebenslanges Leiden.

Wenn Jawahir Cumar Verwandte in Somalia besucht, bekommt sie zu hören: "Du denkst wie ein Europäer, wie ein Mann." Die afrikanische Kultur sei ihr fremd geworden, sagt Cumar, auch wenn sie ihr nach wie vor viel bedeute. Schon als Kind wollte sie sich nicht in die unterwürfige Rolle der Frau fügen: Sie spielte Fußball, trug Hosen, sagte, was sie dachte.

In Düsseldorf fühlt sich die junge Frau wohl: Sie kümmert sich um ihre Töchter (7, 14) und ihren Sohn (10), arbeitet als Dolmetscherin, führt die Beratungsstelle, geht gerne tanzen. Nur manchmal, da ärgert sie sich. Wenn sie sich in der Straßenbahn hinsetzt und sich ihr Nachbar einen neuen Platz sucht. "Ich sehe darüber hinweg", sagt Cumar, die solche Reaktionen auf ihre Hautfarbe bezieht.

Sie selbst hat keine Angst vor anderen Kulturen: "In meinem Leben will ich jedes Land bereisen." Nicht wie ein Tourist. Jawahir Cumar will die Menschen kennenlernen. Und verstehen.

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