Gedanken über das Älterwerden Mittlerweile schleichen sich Ängste ein

Düsseldorf · Schon wieder ein Jahr vorbei. Fatima Krumm (31) und Ekkehard Rüger (54), Redakteure zweier unterschiedlicher Generationen, über das Älterwerden und ihre Erwartungen an das, was noch kommt.

 Da Zukunft Herkunft braucht, hinterfragt Fatima Krumm zunehmend ihre Familienhistorie. Jede Generation erlebt ihre politische Transformation. Welche wird die von Fatima prägen?

Da Zukunft Herkunft braucht, hinterfragt Fatima Krumm zunehmend ihre Familienhistorie. Jede Generation erlebt ihre politische Transformation. Welche wird die von Fatima prägen?

Foto: picture alliance / dpa/Maurizio Gambarini

Die 40 ist jetzt dichter als die 20. Als ich kürzlich 31 wurde, trank ich noch einen Sekt auf diese bittere Tatsache. Die 30 tat mehr weh. Die drei vorne nimmt den letzten Hauch Jugend. 30 ist erwachsen. So richtig. „Bis 30 müssen die Weichen gestellt sein“, sagte mir ein früherer Kollege immer. Ein Satz der Angst und Zuversicht zugleich für mich bedeutete.

Die einen tragen in meinem Alter bereits Ehering, besitzen ein Haus und nehmen Elternzeit, andere sind mit der Scheidung schon einen Schritt weiter und ein paar Wenige pflegen immer noch ihren Studentenstatus. Zur Schulzeit waren formal alle gleich weit. Je weiter das Leben fortschreitet, umso mehr driften die Lebensabschnitte auseinander. Und immer stelle ich mir die Frage: Wo stehe ich? Wo sollte ich sein? Als ich alte Klassenkameraden gegoogelt habe – ich war in sieben verschiedenen Klassen, also jede Menge Leute – fand ich vom aufstrebenden Staatssekretär bis zur alleinerziehenden Mutter mehrerer Kinder die ganze Bandbreite an Lebensläufen. Alles ist möglich.

Erster Wehmut mit 20

Etwas Wehmut fühlte ich erstmals in meinen Zwanzigern. Ich dachte, wenn ich nochmal jung wäre, würde ich vielleicht etwas ganz Anderes studieren. Wie denke ich wohl über jetzt zu treffende Entscheidungen erst mit 50 oder 60? Und wie sieht die Bilanz am Lebensende aus?

 Unsere Redakteurin Fatima Krumm (Jahrgang 1988).

Unsere Redakteurin Fatima Krumm (Jahrgang 1988).

Foto: Michaelis, Judith (JM)

Meine Oma starb mit 61. Ich erinnere mich daran, wie Beerdingungsteilnehmer sagten: „Ach, so jung gestorben . . .“ Als Zwölfjährige fand ich die Sätze irritierend. Ich war jung, aber doch nicht meine Oma. Heute sehe ich das anders. Je älter ich werde, umso mehr verändert sich das Verhältnis zum Alter. Während es mit 14 noch debattierwürdig ist, mit einer volljährigen Person liiert zu sein, ist das Thema Altersunterschied mit über 30 kein großes mehr. Jahrzehnte verlieren an Bedeutung, wirken nicht mehr heftig, sondern eher normal.

Alle Beziehungen sind im Fluss. Menschen kommen und gehen. Distanzen wachsen genauso wie die Zeitspannen zwischen Besuchen. Innige Freundschaften haben sich aufgelöst. Selbst in Familien liegen mittlerweile Welten zwischen Menschen, die einst das Zimmer teilten.

Früher war mehr Kontinuität

Da Zukunft Herkunft braucht, hinterfrage ich zunehmend meine Familienhistorie. Jede Generation erlebt ihre politische Transformation. Welche wird meine prägen? Früher waren die Menschen eher gefestigt und somit erwachsener. Mein Vater gründete mit Anfang 20 seine Familie. Aber damals war auch mehr Kontinuität. Einmal eine Arbeit gefunden, blieben und bleiben sie nicht selten bis zur Rente in ein und demselben Betrieb. Das ist heutzutage oftmals undenkbar.

Einerseits bin ich dafür dankbar, denn ich möchte heute noch nicht wissen, wo ich bis zu meiner Rente (etwa im Jahr 2060) arbeiten werde. Etwas Abwechslung ist mir lieber als auf Jahrzehnte Vorhersagbares. Andererseits ist zu viel davon ernüchternd. Denn in vielen Berufssparten ist ein Zwei-Jahres-Vertrag schon ein echter Glücksgriff. Demzufolge sind die heutigen Erwerbsbiografien vielfältiger. Flexibler. Doch mit der Flexibilität kommt auch die Unsicherheit. Nahezu unendliche Möglichkeiten, die meiner Alterskohorte und nachfolgenden offenstehen, bringen enormen Druck mit sich. Von innen wie von außen. Und irgendwann ist es Zeit zu realisieren, welche Träume nicht mehr realisierbar sind. Andere erfüllen sich wiederum schneller als erwartet oder verabschieden sich von selbst. Beispielsweise der unbedingte Wunsch auszuwandern ist längst verflogen. Das Denken ist stetig im Wandel.

Mit Ende 20 zum ersten Mal alt gefühlt

Zwischen die Gedanken um Pflicht und Selbstverwirklichung schleichen sich mittlerweile Ängste ein. Vor tragischen Schicksalsschlägen. An Umfeld und Familie sehe ich, wie schnell Krankheit und Tod die Lebensplanung verändern können. Wann bin ich dran? Je älter die Menschen, umso größer solche Erfahrungen. Als Teenager verschwendete ich keine Sekunde an die eigene Endlichkeit. Das erste körperliche Gebrechen nahm ich Ende 20 wahr. Da fühlte ich mich zum ersten Mal alt. Sonst variiert das Gefühl je nach Bezugsgruppe.

Seit der Schulzeit hat das Leben auf Schleudergang gestellt. Wenn ich in neun Jahren 40 werde, blicke ich auf mein statistisch halbes Leben zurück. Klar habe ich eine Vision davon, wer, wie, wo ich dann sein möchte. Ich bin gespannt, ob die Vision Bestand hat, denn etwas Beständigkeit wäre ganz gut. Wie es auch werden wird –  ich bin froh, in einer Zeit zu leben, in der antiquierte gesellschaftliche Konventionen in vielen Bereichen bereits aufgehoben sind. Viele Lebensmodelle erschienen in meiner Kindheit noch unmöglich. Dennoch wird mir manchmal zu mehr Gelassenheit geraten. „Aber die kommt mit dem Alter von allein, Fatima“, heißt es dann sogleich.

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