Gedanken über das Älterwerden Frau Müschenborns Maßstäbe

Schon wieder ein Jahr vorbei. Fatima Krumm (31) und Ekkehard Rüger (54), Redakteure zweier unterschiedlicher Generationen, über das Älterwerden und ihre Erwartungen an das, was noch kommt.

 Ekkerhard Rüger möchte 100 Jahre alt werden. Aber er weiß auch: es gibt kein Grundrecht darauf, alt zu werden und dabei gesund und geistesgegenwärtig zu bleiben. Im Bild ist die 91-jährige Mary Maughan (l) aus Norton bei Middlesbrough zu sehen, die sich im Jahr 2000 beim Klettern helfen lässt.

Ekkerhard Rüger möchte 100 Jahre alt werden. Aber er weiß auch: es gibt kein Grundrecht darauf, alt zu werden und dabei gesund und geistesgegenwärtig zu bleiben. Im Bild ist die 91-jährige Mary Maughan (l) aus Norton bei Middlesbrough zu sehen, die sich im Jahr 2000 beim Klettern helfen lässt.

Foto: picture-alliance / dpa/dpaweb/Ho

Sie hieß Frau Müschenborn und wohnte wenige Hundert Meter von meinem Elternhaus entfernt. Wenn ich sie als Schüler zum Inkasso für ihr Zeitungsabonnement besuchte, öffnete mir eine quicklebendige und trotz ihres Gehstocks und des gekrümmten Rückens bewegliche Dame mit wachem Blick und abstehenden weißen Haaren. Frau Müschenborn hatte noch einen Wunsch: 100 Jahre alt zu werden und dann in Frieden zu sterben. So ist es auch gekommen. Seither habe ich mir ihren Wunsch zu eigen gemacht.

Aber es gibt kein Grundrecht darauf, alt zu werden und dabei gesund und geistesgegenwärtig zu bleiben. „Du hast sieben Leben – wie eine Katze“, hat meine Schwester mal zu mir gesagt. Wenn das so ist, muss ich jetzt ziemlich sparsam sein: Schon bevor mein Erinnerungsvermögen einsetzte, hatte mein damaliger Kinderarzt meiner Großmutter am Kinderbett während eines Pseudokrupp-Anfalls gesagt, dass ich die Nacht wohl nicht überstehen würde. Und nur ein dickes Windelpaket hat verhindert, dass ich als Baby, schon mit dem Oberkörper durch das Balkongitter unserer Etagenwohnung gezwängt, in die Tiefe stürzte.

Knapp dem Tod entronnen - und nicht nur einmal

 Unser Redakteur Ekkehard Rüger (Jahrgang 1965).

Unser Redakteur Ekkehard Rüger (Jahrgang 1965).

Foto: Michaelis, Judith (JM)

Später, im Jahr des Mauerfalls, habe ich bei einem Motorradunfall mehr als die Hälfte meines Bluts, fast mein Bein und mein Leben verloren und im Anschluss Jahre mit einer durch die vielen Bluttransfusionen verursachten Infektion gekämpft. 2006 schließlich berichtete diese Zeitung unter der Überschrift „Knapp dem Tod entronnen“ über einen Autofahrer, dem auf der A57 in Höhe Neuss-Reuschenberg ein von der Fahrbahn hochgeschleuderter Hammer die Frontscheibe durchschlagen und seinen Kopf nur um Zentimeter verfehlt hatte. Der Fahrer war ich. Der Hammer mit seinem zerbrochenen Stil steht heute noch in meinem Bücherregal.

Seit diesen Erfahrungen wird mein Lebensgefühl einen gewissen Melancholie-Schleier nicht mehr los. Dass unsere vermeintlichen Lebensgewissheiten auf sehr fragilem Grund stehen, habe ich zu oft selbst erlebt, dass allzu ausgemalte und weitreichende Zukunftspläne von jetzt auf gleich in Trümmern liegen können, auch. „Warum ich?“, ist eine verbreitete Frage, wenn Menschen früh schwer erkranken, verunfallen oder mit dem Tod konfrontiert werden. Genauso berechtigt wäre die Frage: „Warum ich nicht?“

Als ich zehn Jahre alt wurde, fand ich die zwei Ziffern großartig und mich groß. Mit 20 bin ich von zu Hause ausgezogen, als ich 30 war, wurde mein erstes Kind geboren. Mit 40 habe ich mich zum ersten Mal alt gefühlt. Und mit 50 wurde ich sehr heftig von dem düsteren Gedanken gepackt, dass ich jetzt selbst nach Frau-Müschenborn-Maßstäben endgültig mehr Lebenszeit hinter mir als noch vor mir habe. Überhaupt empfinde ich dieses Lebensjahrzehnt, in dem ich gerade stecke, als besonders anstrengend: weil die körperlichen und psychischen Signale des Älterwerdens noch nicht als solche wahrgenommen und akzeptiert werden, sondern man noch glaubt, darauf keine Rücksicht nehmen zu müssen und weitermachen zu können wie bisher.

Hoffnungen an die Zukunft

Wenn ich an die Zukunft denke, habe ich eher grundsätzliche Wünsche – oder sagen wir: Hoffnungen. In Würde zu altern, ist eine davon. Was das genau heißt, weiß ich noch gar nicht. Was es nicht heißt, schon: Den verbreiteten Ehrgeiz, ungeachtet des Alters im vermeintlich ewigen Jungbrunnen mitplantschen zu wollen, würde ich gerne hinter mir lassen. Erfreut wäre ich auch über die Aussicht auf mehr Gelassenheit und Weisheit. Von beidem merke ich noch nichts, aber dafür bin ich vielleicht auch noch wirklich zu jung.

Vor allem aber beschäftigt mich, wie sehr ich in den nächsten Jahren noch bereit sein werde, von lieb gewonnenen oder auch nur selbstverständlich gewordenen Lebensgewohnheiten Abschied zu nehmen. Ich bin Vater von vier Kindern und die Frage, wie Leben auf diesem Planeten organisiert und gestaltet werden kann, damit die Ressourcen für alle reichen und der schon stattfindende Klimawandel kontrollierbar bleibt, bewegt mich sehr. Dass dazu jeder Einzelne mehr beitragen muss, als ihm lieb ist, scheint mir sicher. Und ich befürchte, ich betreibe in dieser Hinsicht bei mir selbst noch zu viel Augenwischerei.

Zuletzt: Würde mit zunehmendem Alter tatsächlich auch das Gottvertrauen weiter wachsen, wäre mein größtes Sehnen erfüllt. Das Loslassen, so stelle ich mir das vor, müsste am Ende dann ganz leicht fallen.

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