Fall Marco: Sein Verteidiger kritisiert deutsche Politiker

Fall Marco: Sein Verteidiger kritisiert deutsche Politiker

Das Verfahren habe nichts mit dem EU-Beitritt zu tun.

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p class="text"><strong>Antalya. Die Verteidiger des in der Türkei angeklagten 17-jährigen Marco wollen so schnell wie möglich das Aussageprotokoll des mutmaßlichen Missbrauchopfers Charlotte beschaffen. Das Protokoll sei "die einzige Chance", den Jungen vor Weihnachten aus dem Gefängnis zu holen. Der Schüler aus Uelzen ist angeklagt, Charlotte in den Osterferien in der Türkei sexuell missbraucht zu haben. Er sitzt seit sieben Monaten in U-Haft. Der Prozess war am Dienstag erneut vertagt worden, auf den 14. Dezember. Charlottes Anwalt hatte das 170-seitige Protokoll der Vernehmung dem Gericht bereits vor vier Wochen auf Englisch vorgelegt - allerdings nur in Kopie. Das Gericht aber will das Original-Dokument, um es selbst prüfen zu können. Marcos Anwalt Matthias Waldraff kritisierte, dass Bundespolitiker den Fall Marco erneut mit einem möglichen EU-Beitritt der Türkei in Zusammenhang gebracht hatten. Politiker von Union und FDP hatten sich empört über die Behandlung des Inhaftierten geäußert. "Der Fall zeigt, dass die Türkei nicht reif für den Beitritt in die Europäische Union ist", sagte der rechtspolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Gehb. Nach Auffassung von Unions-Fraktionsvize Bosbach hätte die Belastungszeugin Charlotte längst vor Gericht erscheinen müssen, "damit sich die Richter ein Bild von ihrer Glaubwürdigkeit machen können". FDP-Fraktionsvize Leutheusser-Schnarrenberger forderte ein Eilverfahren vor dem Europäischen Menschenrechtsgerichtshof.

Kommentar: Populismus auf Marcos Rücken

Inständig hatte Marcos Anwalt die Politiker gebeten, sich aus dem Verfahren herauszuhalten. Doch einige Abgeordnete hatten mal wieder Mitteilungsdrang. Und Unionsmann Jürgen Gehb ist sich sicher: Der Fall zeige, dass die Türkei nicht reif sei für die EU. Damit ist Marco erneut zum Instrument im Kampf um Wählerstimmen und gegen den EU-Beitritt der Türkei geworden. Auch wenn Gehbs Analyse nicht ganz abwegig ist - den Ausgang des Prozesses mit der EU-Frage zu verknüpfen, ist ein billiger Erpressungsversuch, der schon einmal schief gelaufen ist. Gehb hat die Chancen Marcos auf ein Weihnachtsfest bei seiner Familie auf ein Minimum reduziert.

E-Mail stefan.kueper@wz-plus.de

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