Erika Berger: Keine Angst vor Tabus

Erika Berger: Keine Angst vor Tabus

Vor 20 Jahren brachte sie das Intimleben der Deutschen ins Fernsehen. Ihr neues Buch gibt reifen Frauen Wohlfühl-Tipps. Auch in Sachen Sexualität.

Düsseldorf. Als sie den Job in der Tasche hatte, rief Erika Berger einen guten Freund an. Sein Name: Oswald Kolle. "Du weißt hoffentlich, worauf du dich da einlässt?", hat er gefragt. "Wenn du das machst, dann muss dir klar sein, dass du ab jetzt die Sex-Expertin der Nation bist. Was du auch tust, du wirst immer mit Sex in Verbindung gebracht werden."

Kolle wusste nur zu gut, wovon er sprach. Schließlich war er selbst Sex-Experte, hatte in den 1960er und 1970er Jahren zahlreiche Aufklärungsfilme gedreht und mit der Fernsehserie "Die Liebesschule" frischen Wind in deutsche Schlafzimmer gebracht.

Erika Berger antwortete Kolle mit einer Gegenfrage: "Ist Sex denn etwas Schlimmes?" Und hatte sich damit, wenn auch nur intern, ein zweites Mal für den Job qualifiziert.

Die Sendung, die sie ab 1987 moderierte, lief auf RTL und hieß "Eine Chance für die Liebe". Das Neue daran war, dass live übertragen wurde. Zuschauer konnten im Studio anrufen und intime, sehr intime, Fragen stellen. Die allerdings nur sie selbst und ihre Partner betrafen: "Es war immens wichtig, dass mir selbst niemand zu nahe tritt. Ich musste als cleaner Mensch rüberkommen, unantastbar sein."

Teil des Konzeptes war es auch, immer direkt, aber nie anzüglich zu sein: "Alles beim richtigen Namen zu nennen, ist wichtig. Bis heute ärgert mich, dass Mütter ihren Töchtern beibringen, dass das männliche Geschlechtsteil Schniedel heißt. Heißt es aber nicht. Es heißt Penis."

Thematisiert wurden männliche Erektionsprobleme und weibliche Orgasmusschwierigkeiten, Seitensprünge und Gruppensex, die Frage, ob es vertretbar ist, Sexspielzeuge zu benutzen oder die Unfähigkeit, Eifersucht in den Griff zu bekommen. Die Sendung wurde ein Riesenerfolg. Berger: "Mit einer Moderatorin, die weder blonde Haare noch einen großen Busen hatte." Und weiter: "Das Thema hat mich interessiert, es gibt nichts Spannenderes, als mit Menschen über Liebe und Partnerschaft zu reden", sagt Berger.

Dieses Interesse kam rüber, bürgte für Glaubwürdigkeit. Das nötige Fachwissen lieferten Vorlesungen, sexualwissenschaftliche Kongresse, Gespräche mit Psychologen und Gynäkologen.

Dass sie erst Mitte 40 so richtig prominent wurde, passt zu Berger. Die Tochter einer Hausfrau und eines Kaufmanns kam am 13. August 1939 in München zur Welt. Ursprünglich wollte sie Schauspielerin werden, begann jedoch nach dem Abitur, auf Drängen der Eltern, ein Studium der Betriebswirtschaft. "Dann habe ich mich verliebt, wurde schwanger, habe geheiratet. Mit 28 hatte ich zwei Kinder und war geschieden."

Oswald Kolle behielt Recht: Erika Berger wurde tatsächlich zur Sex-Expertin der Nation. Und zur Pionierin. Von ihrer Seriosität, ihrer Lebenserfahrung und der fehlenden Angst vor Tabus profitierte später auch die Talkshow "Der flotte Dreier" (1991), ebenso wie die Nachfolge-Reihe "Eine neue Chance für die Liebe" (1993).

Auch mit ihrem siebten Buch, das jüngst erschienen ist, bleibt sie ihrer Linie treu. "Lust statt Frust" ist ein Ratgeber für Frauen in den Wechseljahren. Die praktischen Wohlfühl-Formeln, die Berger auf 204 Seiten zusammenfasst, betreffen Körper und Seele, Familie, Karriere - und natürlich auch Sexualität.

"Auch die Wechseljahre sind noch immer ein Tabu-Thema", sagt die Autorin, "ebenso wie Sexualität im Alter. Dabei bin ich fest davon überzeugt, dass es für die Liebe und die Sexualität keine Grenze gibt. Irgendwann ist die Liebe nicht mehr so leidenschaftlich wie früher. Aber sie ist immer noch da. Man muss nur bereit sein, auch gemeinsam zu experimentieren".

Auch hier wird sie wieder sehr deutlich, wenn es um das wie geht. Dass sie in "Lust statt Frust" auch von sich selbst erzählt, von ihren Erfahrungen, Ängsten und kleinen Sünden, zunehmenden Falten und vom Großmutterwerden, das ist dann allerdings anders als bei "Eine Chance für die Liebe". Aber vielleicht auch verständlich: Frauen unter sich sind viel offener.

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