Er hilft, wenn’s in der WG kracht

Er hilft, wenn’s in der WG kracht

Porträt: Mit den explosiven Banalitäten des Alltags kennt sich Ludger Büter (58) aus – er arbeitet in Köln als Streitschlichter.

Köln. Der Mitbewohner empfängt täglich Besuch in der Küche und putzt weniger gründlich, als der Zimmernachbar das wünscht. Der wiederum zündet sich seine Zigarette im Wohnzimmer an, ohne um Erlaubnis zu bitten. Irgendwann fallen die ersten bösen Worte, dann Drohungen. Keiner der Streitenden gibt nach, der Konflikt in der Wohngemeinschaft eskaliert.

Für Ludger Büter sind solche Fälle Alltag. Wenn die Zankerei zwischen Wohnpartnern kein Ende nimmt, ist der 58-Jährige der Mann, der verhindern soll, dass die Streitenden sich das Leben gegenseitig zur Hölle machen. Ludger Büter ist WG-Streitschlichter in Köln.

"Meine Aufgabe ist es, die Wogen zu glätten", beschreibt er seine Arbeit. In eineinhalb Jahren hat der Psychologe zwischen mehr als 40 Parteien vermittelt. "Mal mit weniger, mal mit mehr Erfolg", sagt er.

Die Konflikte ähneln sich. Es geht um den Abwasch oder um Zahnpastareste im Waschbecken. Banalitäten, die Zündstoff bergen können. Büter spricht von zwei Extremen: "Es gibt die Chaoten und die Spießer. Wenn sie zusammentreffen, geht das häufig nicht gut." Die Chaoten weigern sich, die Regeln zu befolgen, bei den anderen dagegen müsse die WG jederzeit blitzen und blinken. "Beide sind eigentlich nicht WG-tauglich", ist das Fazit des Psychologen.

Manchmal lassen sich Konflikte bereits am Telefon lösen, oft lädt Büter die Mitbewohner in sein Büro ein, manchmal verschafft er sich vor Ort selbst einen Eindruck. "Es gibt auch dramatische Fälle, und da können auch Tränen fließen", sagt der Psychologe. In einem Fall seien die Parteien gar aufeinander losgegangen.

Als "lösungsorientiert" beschreibt Büter seinen Ansatz. Er hört beide Seiten an und ermuntert die Parteien dann, Kompromisse zu finden und diese schriftlich festzuhalten. "Wenn jeder nur sagt, was ihm nicht passt, nimmt der Streit kein Ende." Das strapaziert auch den Psychologen im Vermittlungsgespräch. "Wenn es dagegen gelingt, die Parteien wieder zusammenzubringen, ist das auch für mich eine Genugtuung."

Der 58-Jährige arbeitete fast 30 Jahre in der Psycho-Sozialen Beratung des Studentenwerkes. Bevor er den Posten des WG-Streitschlichters übernahm, seien die Anfragen von Studenten, die nur eines wollten - nämlich raus aus der WG und weg vom verhassten Mitbewohner - stark gestiegen.

Der Psychologe macht dafür auch straffere Stundenpläne an den Universitäten verantwortlich. "Das Studium erfordert mehr Disziplin. Wer am nächsten Tag eine Arbeit schreibt, braucht seinen Schlaf und will den Lärm aus dem Nachbarzimmer nicht tolerieren."

Studenten rät er, Konflikte anzusprechen und nicht vor sich herzuschieben. Büter spricht aus eigener Erfahrung. Auch er lebte während seines Psychologie-Studiums in einer WG, ging mit seinem Mitbewohner im Streit auseinander. Der Putzplan sei damals nicht der Auslöser gewesen, sondern eine Frau. "Heute kann ich darüber lachen", sagt er. "Damals war ich einfach noch zu jung."

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