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Eisenbahnbundesamt: Müngstener Brücke in Gefahr

Eisenbahnbundesamt: Müngstener Brücke in Gefahr

Aufsichtsbehörde zieht Standfestigkeit des Denkmals in Zweifel und schränkt den Bahnverkehr massiv ein.

Solingen. Das Eisenbahnbundesamt in Bonn (EBA) hat gravierende Beschränkungen für die Nutzung der Müngstener Brücke, der mit 107 Metern höchsten Eisenbahnbrücke Deutschlands, erlassen.

Nur noch mit zehn Stundenkilometern dürfen die leichten Personentriebwagen die 113 Jahre Stahlkonstruktion, die die Städte Solingen und Remscheid verbindet, passieren. Eine Begegnung zweier Züge auf der Brücke ist ab sofort verboten.

Schon seit Mitte März gibt es Beschränkungen für den Güterverkehr: Der wird seitdem über einen fast 45 Kilometer weiten Umweg über Wuppertal-Oberbarmen nach Remscheid geführt. Außerdem dürfen alle Züge, die die Brücke passieren, nicht schwerer sein als die leichten Triebwagen der Baureihe 628.

Grund für die weitere Einschränkung des Zugverkehrs auf der Regionalbahnlinie 47 ist vor allem der Zustand der sogenannten Loslager der Brücke, wie Jens Böhlke, Leiter des zuständigen Abteilung Infrastruktur beim EBA, erklärt.

Loslager gibt es auf der Solinger und auf der Remscheider Seite der Brücke. Solche Lager lassen Bewegungen in zwei Richtungen zu. Sie sind unter anderem dafür zuständig, beim Betrieb der Brücke auftretende Schwingungen sowie Wärmeausdehnungen bei Temperaturschwankungen in Längsrichtung aufzunehmen. Auch werden beim Überfahren der Brücke starke horizontale Kräfte frei, die durch die Loslager und deren Stahlrollen ausgeglichen werden.

Inzwischen hängen aber mehrere dieser Loslager auf beiden Wupperseiten fest. Nicht so gravierend seien hingegen die Korrosionsschäden der Stahlkonstruktion, sagt Böhlke.

Damit werden Fragen nach der Standsicherheit der unter Denkmalschutz stehenden Brücke laut. Die Deutsche Bahn AG als Eigentümerin der Brücke sieht die Standfestigkeit auch nach den neuerlichen Auflagen des Eisenbahnbundesamtes nicht gefährdet, wie Bahn-Sprecher Gerd Felser erklärt.

Anders sieht das Jens Böhlke. "Es gibt derzeit keinen stimmigen Standsicherheitsnachweis der Brücke." Daher seien auch die recht einschneidenden Auflagen und Beschränkungen erfolgt, die fast schon einem "enteignungsgleichen Eingriff" gleichkomme.

Es sei nunmehr Aufgabe der Deutschen Bahn AG als Eigentümerin und für die Brücke Verantwortliche, die Standsicherheit und Befahrbarkeit sicherzustellen und auch als denkmalgeschütztes Bauwerk zu erhalten, sagt Böhlke. Von der Gefahr einer Stilllegung der Brücke will er jedoch "noch nichts" wissen.

Die Entscheidung der Bonner Aufsichtsbehörde kommt umso überraschender, als noch vor einer Woche von hochrangigen Bahnvertretern versichert worden war, die Brücke sei standsicher, und der Verkehr könne wie gewohnt rollen. Bis zum Frühherbst muss die Bahn AG nun ein statisches Gesamtgutachten der Müngstener Brücke beibringen.

Das Unternehmen, das jährlich rund 400 000 Euro in den Unterhalt der Brücke steckt, will auch die Loslager austauschen lassen. Gerd Felser: "Wir suchen in der Industrie noch nach Herstellern."