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Eine spanische Hymne, die niemand singen will

Eine spanische Hymne, die niemand singen will

Spanier lehnen die Textfassung ab, Politiker sprechen sogar von einer „ranzigen“ Hymne.

Madrid. "Das sollen wir singen?", fragte entsetzt eine spanische Sportzeitung ihre Leser. Die antworteten denn auch in einer Umfrage mit einem mehrheitlichen "No". Der Textentwurf für Spaniens Nationalhymne scheint schon beerdigt, bevor er richtig geboren wurde. Politiker der regierenden Sozialdemokraten benoteten die von einem Expertengremium vorgeschlagene Hymnenfassung als "ranzig", "antiquiert" und "pathetisch".

Dabei hatte es Alejandro Blanco, Chef des Nationalen Olympischen Komitees (NOK), doch gut gemeint. Er hatte angeregt, dem zackigen spanischen "Königlichen Marsch" aus dem 18. Jahrhundert endlich einen die Herzen bewegenden Text zu verpassen. Denn bisher konnten Spaniens Nationalfußballer oder Spitzensportler auf dem Podium ihre Hymne nur summen. Oder vielleicht pfeifen. Auch sieht man die Kicker des spanischen Teams beim Abspielen des Königsmarsches immer wieder Kaugummi kauend in den Himmel starren.

"Eine gesungene Hymne fördert das Gefühl der Zusammengehörigkeit", dachte sich Blanco. "Eine fabelhafte Idee", pflichtete der Fußballverband bei. "Die Spieler unserer Nationalelf hatten schon seit langem nach einer Hymne zum Mitsingen verlangt." Also organisierte NOK-Chef Blanco einen Ideenwettbewerb, an dem immerhin 7000 Menschen teilnahmen.

Die Wahl des Siegers war dann für alle eine Überraschung. Sogar für den Texter selbst: Ein 52-jähriger Arbeitsloser und Hobbypoet, der aus allen Wolken fiel, als im nationalen Fernsehen plötzlich sein Entwurf geträllert wurde.

Der vierstrophige Text beginnt mit einem geschmetterten "Viva Espana" und besingt dann die Liebe zum Vaterland, seinen Tälern, dem Meer, beschwört die Brüderschaft und lobt schließlich Spaniens "Gerechtigkeit und Größe, Demokratie und Frieden". Eigentlich sollte der iberische Star-Tenor Placido Domingo in einem Konzertsaal in der Hauptstadt Madrid der Hymne feierlich Leben und patriotische Worte einhauchen. Doch nach der breiten öffentlichen Ablehnung ist es fraglich, ob es dazu überhaupt noch kommt.

Die Tageszeitung "El Mundo" schrieb, das Olympische Komitee und Placido Domingo würden sich mit dieser von den 45 Millionen Spaniern nicht autorisierten Aufführung lächerlich machen.

Der sozialdemokratische Regierungschef Jose Luis Zapatero äußerte sich vorsichtshalber gar nicht und ließ nur listig mitteilen, dass der Text ja noch ein paar Hürden vor sich habe: 500000Unterschriften müssen gesammelt werden, bevor sich das Parlament mit dem Königsmarsch und seinem neuen Text überhaupt beschäftigt.

Die Zapatero-Vertraute Carmen Calvo, Ex-Kulturministerin, stellte schon mal klar, was davon zu halten sei: Ihr gefalle der Text "überhaupt nicht", er erinnere an Zeiten des strammen Nationalismus unter Diktator Franco. Ganz abgesehen von Spaniens eigenwilligen Völkern im Baskenland und in Katalonien, die ohnehin nichts mit Spaniens Hymne am Hut haben, da sie ihr eigenes national-regionales Liedgut pflegen. Nur bei Spaniens konservativer Opposition wurden vereinzelt Stimmen laut, welche die neue Hymne "aus vollem Hals singen" wollten.

Es lebe Spanien! Singen wir alle zusammen mit verschiedener Stimme und einem einzigen Herzen. Es lebe Spanien! Von den grünen Tälern bis zum riesigen Meer, eine Hymne der Brüderlichkeit. Liebe das Vaterland, denn es weiß unter seinem blauen Himmel, Völker in Freiheit zu umarmen. Ehre seinen Söhnen, die der Geschichte Gerechtigkeit und Größe, Demokratie und Frieden geben.