Die Prozesse des Jahres 2018 in NRW: Von Loveparade bis „Horrorhaus“

Jahresrückblick 2018: Von Autorennen bis „Horrorhaus“: Die Prozesse des Jahres in NRW

Der Bombenanschlag am Düsseldorfer S-Bahnhof Wehrhahn, das Horrorhaus von Höxter oder der Medikamentenskandal um einen Bottroper Apotheker: Diese Prozesse haben in NRW 2018 Schlagzeilen gemacht.

Brutale Angriffe, tragische Schicksale - und manchmal bleiben Verbrechen auch ungesühnt: An den Gerichten in NRW geht es jeden Tag um die Suche nach der Wahrheit und um das Finden der gerechten Strafe. 2018 sind einige Fälle besonders in Erinnerung geblieben:

„HORRORHAUS“ VON HÖXTER: Fast zwei Jahre beschäftigt sich das Landgericht Paderborn mit dem sogenannten Horrorhaus von Höxter. Jahrelang wurden Frauen dorthin gelockt und zum Teil schwer misshandelt. Zwei Opfer starben. Eine der Leichen wurde in dem Haus eingefroren, dann zersägt und anschließend verbrannt. Dennoch gibt es bei der Urteilsverkündung Anfang Oktober kein Lebenslang, sondern 13 Jahre Haft für Angelika W. und 11 Jahre für ihren Ex-Mann Wilfried W. Der Grund: Wilfried W. gilt als vermindert schuldfähig und für seine Ex-Frau greift die Kronzeugenregelung. Sie hat umfassend ausgesagt und die Ermittlungen zum zweiten Todesopfer erst ermöglicht. Der Mammut-Prozess dauert 60 Verhandlungstage - dafür muss der Vorsitzende Richter extra seinen Ruhestand verschieben.

Das damalige Wohnhaus des beschuldigten Ehepaares in Höxter-Bosseborn. Über Jahre hinweg soll ein Paar mehrere Frauen aus Niedersachsen in ein Haus nach Ostwestfalen gelockt und dort schwer misshandelt haben. Foto: dpa/Marcel Kusch

ANSCHLAG AUF BORUSSIA DORTMUND: Der Bombenanschlag auf die Mannschaft von Borussia Dortmund entsetzt im April 2017 die Fußballwelt. Der 29-jährige Deutsch-Russe Sergej W. zündet vor dem Mannschaftsbus drei Splitterbomben, um die BVB-Aktie zum Absturz zu bringen. Davon hätte er an der Börse selbst profitiert. Abwehrspieler Marc Bartra wird am Arm verletzt, andere Spieler werden traumatisiert. Im Prozess erklärt der Angeklagte, dass er die Sprengsätze extra so konstruiert habe, dass niemand ernsthaft verletzt wird. Das halten die Richter für Unsinn. „Die Sprengsätze waren nicht beherrschbar“, heißt es im Urteil. Die Strafe: 14 Jahre Haft wegen Mordversuchs.

Ein Beamter des Landeskriminalamtes (LKA) untersucht in der Nacht nach dem Anschlag den Mannschaftsbus der Fußballmannschaft von Borussia Dortmund. Foto: dpa/Marcel Kusch

DOPPELMORD VON HERNE: Im März 2017 bringt der erst 19-jährige Schüler Marcel H. aus Herne den neunjährigen Nachbarsjungen Jaden um. Später ermordet er noch einen 22-jährigen Schulfreund. Tagelang ist er danach auf der Flucht, postet im Darknet Bilder der schrecklich zugerichteten Leichen. Für den Prozess rasiert er sich die Haare und sagt kein Wort. Im Januar verkünden die Richter das Urteil: lebenslange Haft. Außerdem stellen sie die besondere Schwere der Schuld fest und behalten sich die spätere Anordnung der unbefristeten Sicherungsverwahrung vor. Nach einem Motiv suchten sie vergeblich. „Die Tötung von Jaden war völlig anlasslos“, heißt es im Urteil.

Teddybären, Blumen und Kerzen liegen vor dem Haus, in dem der getötete neunjährige Junge Jaden gewohnt hat. Foto: dpa/Marcel Kusch

MEDIKAMENTENSKANDAL UM BOTTROPER APOTHEKER: Er liebte den Luxus und genoss die Rolle als Mäzen seiner Heimatstadt: Jahrelang hat ein Apotheker aus Bottrop seinen Reichtum demonstrativ zur Schau gestellt. Bis seine eigenen Mitarbeiter einen unfassbaren Skandal ans Licht bringen. Die Richter am Essener Landgericht sind am Ende überzeugt, dass der Apotheker mindestens 14 500 Infusionen für Krebspatienten gestreckt hat. Den Schaden für die Krankenkassen beziffern sie auf mindestens 17 Millionen Euro. Ihr Urteil: zwölf Jahre Haft. Der Angeklagte hatte den ganzen Prozess über geschwiegen.

Der Angeklagte geht im Landgericht in Essen zu seinem Platz. Im Prozess um gestreckte Krebsmedikamente in einer Apotheke in Bottrop hat die Staatsanwaltschaft dreizehneinhalb Jahre Haft für den Apotheker beantragt. Foto: dpa/Marcel Kusch

WEHRHAHN-ANSCHLAG: Am 27\. Juli 2000 explodiert eine Rohrbombe am Düsseldorfer S-Bahnhof Wehrhahn inmitten einer Gruppe ausländischer Sprachschüler. Ein ungeborenes Baby stirbt, zehn Menschen werden verletzt. Jahrelang war kein Täter zu finden, dann soll sich ein Rechtsradikaler im Gefängnis verplappert haben. Was folgt, ist ein aufwendigen Indizien-Prozesses - doch am Ende ist dem Landgericht die Beweislage zu dünn: Es entscheidet „in dubio pro reo“ - im Zweifel für den Angeklagten - und spricht den Mann 18 Jahre nach dem Anschlag frei. Rechtskräftig ist der Freispruch noch nicht - der Bundesgerichtshof wird sich den Fall genau anschauen müssen.

Im Wehrhahn-Prozess haben mehrere ehemalige Rechtsradikale und Skinheads als Zeugen behauptet, wenig über den Bombenanschlag vor 18 Jahren zu wissen. Foto: picture alliance/dpa/Marcel Kusch

LOVEPARADE-KATASTROPHE: Fast schon im Hintergrund läuft in Düsseldorf der Loveparade-Prozess. Zehn Mitarbeiter der Stadt Duisburg und des Loveparade-Veranstalters Lopavent sitzen dort in einer Kongresshalle seit Dezember 2017 auf der Anklagebank. Fahrlässige Tötung und fahrlässige Körperverletzung lauten die Tatvorwürfe: Bei der Technoparade 2010 in Duisburg starben in einem Gedränge 21 Menschen, mehr als 650 wurden verletzt. Ende 2018 wird der Prozess schon mehr als 90 Verhandlungstage umfassen. Im kommenden Jahr geht es weiter. Ein Ende ist noch nicht in Sicht.

Kerzen brennen an der Unglücksstelle der Loveparade 2010. Foto: dpa/Marcel Kusch

KÖLNER STADTARCHIV: Zwei Tote und ein Milliardenschaden: Mehr als neun Jahre nach dem Einsturz des Kölner Stadtarchivs fallen im Oktober die Urteile im ersten Strafprozess. Das Kölner Landgericht verhängte eine Bewährungsstrafe wegen fahrlässiger Tötung gegen einen Bauüberwacher der Kölner Verkehrsbetriebe (KVB). Drei Angeklagte - Mitarbeiter von Baufirmen und KVB - werden freigesprochen. Sie alle waren am Bau einer neuen U-Bahn beteiligt. Nach Überzeugung der Richter haben Fehler bei den Bauarbeiten zu dem Unglück geführt.

Trümmer liegen an der Stelle, an der sich das Historische Stadtarchiv befand. Foto: dpa/Oliver Berg

VERGEWALTIGUNG IN DER SIEGAUE: Die Vergewaltigung einer jungen Camperin in der Siegaue hatte bundesweit Entsetzen ausgelöst. Der Täter hatte das Zelt des jungen Paares aufgeschlitzt, die Studentin nach draußen gezerrt und sie vergewaltigt. Der bereits zu elfeinhalb Jahren Haft verurteilte Täter ging in Revision - und erzielt im Oktober einen Teilerfolg: In der Neuauflage des Prozesses senkt das Bonner Landgericht die Freiheitsstrafe gegen den abgelehnten Asylbewerber aus Ghana auf zehn Jahre. Eine höhere Strafe für einen Ersttäter stünde „in eklatantem Missverhältnis zu vergleichbaren Fällen“.

Die Bonner Siegaue, aufgenommen bei Troisdorf. Foto: dpa/Volker Lannert

ILLEGALES AUTORENNEN: Ein Unfall bei einem illegalen Autorennen kostet eine junge Radfahrerin in Köln das Leben - und die beiden Raser müssen nun doch ins Gefängnis. In einem ersten Prozess waren die Angeklagten zu Bewährungsstrafen verurteilt worden - das hatte der Bundesgerichtshof moniert. In der Neuauflage des Prozesses im Januar hob das Kölner Landgericht die Strafaussetzung zur Bewährung auf. „Die Angeklagten haben sich für ein illegales Rennen entschieden und so bewusst eine Gefahr geschaffen“, betont der Richter.

Ein weiß gestrichenes Fahrrad steht am Auerweg am Strassenrand an der Unfallstelle eines tödlichen Unfalls bei einem illegalen Autorennen. Foto: dpa/Oliver Berg
(dpa)
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