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Die Niederlande stehen unter Schock

Die Niederlande stehen unter Schock

Unser Nachbarland trauert um die 189 getöteten Landsleute von Flug MH 17.

Amsterdam. In der Abflughalle 3 am Amsterdamer Flughafen Schiphol liegen Blumen und Briefe. „Liebe Therese, wir fahren heute nach Costa Rica, auf den Spuren von dir und deiner Familie“, steht auf einer Karte geschrieben. „Ihr seid in diesem Jahr nach Malaysia gefahren — unvorstellbar, traurig. Ruhe sanft, Gerrit!“ Nach dem Absturz eilen viele Angehörige der Passagiere zum Flughafen, wo Flug MH 17 am Donnerstag um 12.15 Uhr nach Kuala Lumpur gestartet war. Sie werden in ein Restaurant im oberen Stockwerk des Flughafens begleitet, abgeschirmt vor den Medien. Dann bringt man sie in Bussen zu nicht genannten Orten.

Die Menschen in den Niederlanden trauern um Freunde, Nachbarn, Kollegen oder Mitschüler. Am Tag nach der Katastrophe bekommen die Opfer Gesichter. „Mein Nachbar saß in der Maschine“, twittert eine junge Frau. „Er flog in sein Glück, wollte auf Bali bei seiner Freundin wohnen.“

Die Maschine der Malaysia Airlines war am Donnerstagnachmittag im umkämpften Osten der Ukraine abgestürzt, alle Insassen — darunter 189 Niederländer — starben. „Ich bin tieftraurig über diese schreckliche Nachricht“, erklärt König Willem-Alexander. „Unsere Gedanken sind bei den Familien, Freunden und Kollegen der Opfer und bei all denen, die noch nicht wissen, ob ihre Freunde an Bord waren.“ Ministerpräsident Mark Rutte erklärte, er sei „zutiefst schockiert“.

Die Kleinstadt Naarden bei Amsterdam trauert um eine junge Mutter und ihre drei Kinder. „Es ist ein Alptraum“, sagt Bürgermeisterin Joyce Sylvester. Freunde hatten auf TV-Bildern von der Unglücksstelle den Pass der 13-jährigen Tochter erkannt.

Vor einem Haus einer Familie mit vier Kindern im südniederländischen Dorf Neerkant liegen Blumen und Teddybären, Nachbarn stellten Kerzen auf. Auch die 14-jährige Sherryl wird nicht zurückkehren. Das Mädchen hatte jeden Samstag in einem Supermarkt Obst und Gemüse verkauft und jeden Cent gespart.

Tausende Niederländer drücken ihre Anteilnahme in Kondolenzbüchern im Internet aus. „Was für ein Horror“, schreibt ein Nutzer namens Yolanda. Und Gerdi Smale wünscht allen Hinterbliebenen, „ganz egal wo auf der Welt“, Mut und Kraft. Den Schmerz können wohl am ehesten die Angehörigen der Opfer des anderen Unglücksflugzeuges der Malaysia Airlines ermessen. „Das ist herzzerreißend“, sagt Maira Nari. Ihr Vater gehörte zur Besatzung von Flug MH 317, der am 8. März auf dem Weg von Kuala Lumpur nach Peking spurlos verschwand. „Euer Verlust tut mir aufrichtig leid. Mir fehlen die Worte“, sagt sie. „Ich weine noch immer um meinen Mann und jetzt um meine lieben Freunde in MH 17“ twittert die Flugbegleiterin von Malaysia Airlines, Intan Maizura.

In der Abflughalle in Amsterdam herrscht keine ausgelassene Urlaubsstimmung. Bedrückte Gesichter sieht man am Schalter von Malaysia Airlines. „Wir wollten eigentlich gestern fliegen“, sagt eine Frau. „Doch der Tag passte nicht so gut.“ Nun flog sie mit ihrer Familie am Freitag nach Kuala Lumpur — ihr Flug hat ebenfalls den Code MH 17.