1. Panorama

Die Nacht, als die Mafia in Duisburg mordete

Die Nacht, als die Mafia in Duisburg mordete

Vor zehn Jahren schockten die Duisburger Mafiamorde die Nation. Das organisierte Verbrechen hat daraus gelernt. Der Staat auch?

Duisburg. Seit Jahren versucht Duisburgs größte Büroimmobilie an der Ecke Mülheimer/Neudorfer Straße für sich den Namen Silberpalais durchzusetzen. Aber bei den Leuten auf der Straße heißt das 1978 eröffnete Gebäude immer noch Klöcknerhaus. Denn der internationale Stahl- und Metallhandel-Konzern hat hier seinen Hauptsitz und ist Hauptmieter. Zwei zerstörte Fenster von „Franky’s Club Restaurant“ im Erdgeschoss des Bürokomplexes sind mit Holzbrettern verbarrikadiert. Der Wirt hat gerade aufgegeben. Wegen eines regelmäßigen AfD-Stammtischs war sein Betrieb mehrfach attackiert worden.

Foto: Rüger

Vor zehn Jahren trug das Restaurant noch den Namen „Da Bruno“ und war der italienischen Küche gewidmet. Bis zu jener sehr warmen Sommernacht vom 14. auf den 15. August 2007. Da schlossen der Besitzer Sebastiano S., Marco M., dazu zwei Brüder, die in dem Restaurant arbeiteten, sowie Francesco G. (16) und Tommaso Francesco V. (18) um 2.20 Uhr die Tür zum Restaurant ab und gingen zu ihren beiden Wagen in einer Durchfahrt neben dem Restaurant. Als sie die Motoren starten wollten, wurden alle sechs mit insgesamt 54 Schüssen aus zwei italienischen Beretta-Pistolen ermordet.

Foto: Rüger

San Luca ist ein kleines Örtchen in Kalabrien, im Fußballenbereich des italienischen Stiefels, zehn Kilometer von der Mittelmeerküste entfernt. Sechsmal ist Heinz Sprenger mittlerweile dort gewesen, um die ’Ndrangheta besser zu verstehen. Denn San Luca mit seinen weniger als 4000 Einwohnern ist die Hochburg dieser kalabrischen Ausprägung der Mafia. „Nichts, was dem Staat gehört, hat dort keine Einschusslöcher“, sagt Sprenger. Und dann erzählt er von den Häusern der Clans: „Von außen denkt man, das ist ein Rohbau. Aber von innen ist es ein Palast: Edelhölzer, feinster Marmor, goldene Wasserhähne.“

Foto: dpa

Sprenger hat den Kampf mit der Mafia aufgenommen in jener Augustnacht von Duisburg. Als Leiter des auf Tötungsdelikte spezialisierten Kriminalkommissariats 11 und der Mordkommission war er etwa eine halbe Stunde nach den tödlichen Schüssen am Tatort. Später hielt er die Fäden der Ermittlungen in den Händen, bei denen phasenweise bis zu 130 Beamte zusammengearbeitet haben: die eigenen Leute, aber auch Kräfte aus anderen Behörden und Bundesländern, Spezialisten aus den Landeskriminalämtern und dem BKA. „Das hat die Behörde lahmgelegt. Aber die Hilfsbereitschaft der Nachbarbehörden war beeindruckend. Vor allem Düsseldorf und Krefeld haben uns angeboten: Wenn bei euch Land unter ist, dann springen wir ein.“

Schon bald ist Sprengers Büro verhangen mit Familiencharts, in denen die Experten für organisierte Kriminalität die Verbindungen der kalabrischen Mafiaclans dargestellt hatten. 56 Clans, entweder miteinander verbunden oder verfeindet und mit zahlreichen verwandtschaftlichen Verflechtungen durchzogen. Und dann diese blutige Fehde zwischen den Familien Strangio-Nirta und Pelle-Romeo, ausgelöst durch einen Karnevalsscherz mit geworfenen Knallkörpern im Februar 1991. Bei einem Clanmitglied kommt der Scherz gar nicht gut an. Es folgen eine Schlägerei und eine jahrelange Blutspur gegenseitiger Attentate, die schließlich in den Schüssen von Duisburg mündet.

Die Morde schockieren Deutschland. Bis dahin galt das Land nur als Rückzugsort für gesuchte Mafiosi, die weiter ungestört ihren Geschäften nachgehen wollten — auch weil hier niemand fragte, woher einfache Pizzabäcker eigentlich die Summen für ihre Restauranteröffnungen nahmen. Nun scheint die italienische Blutrache plötzlich auch in Deutschland angekommen. Die Ermordeten, so ergeben die Ermittlungen, waren selbst mit Mordplänen befasst gewesen und hatten sich schon entsprechend eingedeckt. Tommaso Francesco V. war am Tage seines Todes volljährig geworden und hatte gerade das Aufnahmeritual in die ’Ndrangheta hinter sich gebracht.

Schon zwei Wochen nach der Tat ergeht ein internationaler Haftbefehl gegen Giovanni S., Besitzer einer Pizzeria in Kaarst. Aber es dauert noch mehr als anderthalb Jahre, bis er am 12. März 2009 in Amsterdam festgenommen werden kann. Nach einem weiteren Jahr wird im Februar 2010 in San Luca mit Sebastiano N. der zweite Schütze der Duisburger Mordnacht gefasst. Beide sind inzwischen in Italien zu lebenslangen Haftstrafen verurteilt worden. Insgesamt werden im Zusammenhang mit Duisburg Urteile gegen 72 Beteiligte gesprochen.

Chefermittler Heinz Sprenger glaubt nicht daran, dass sich eine vergleichbare Tat in Deutschland wiederholt. „Es gibt italienische Quellen, die besagen, dass sich die Mafiaoberen danach für ein Friedensabkommen getroffen haben, weil Duisburg aus ihrer Sicht ein Fehler war.“ Intensive polizeiliche Ermittlungen sind schlecht fürs Geschäft. Was nichts an der Mafiapräsenz ändert. Sprenger ist überzeugt, dass Deutschland längst unter zahlreichen Clans aufgeteilt ist. „Nach der Wiedervereinigung hat die Mafia gerade im Osten Millionenbeträge investiert.“ Mord gefährdet nur die gutbürgerliche Fassade, die diese Geschäfte schützt.

12. Juli 2017, italienische Botschaft in Berlin. Unter Federführung des Vereins „Mafia? Nein, Danke!“, der von Italienern kurz nach Duisburg gegründet worden war, treffen sich Experten beider Länder zu einer Anti-Mafia-Konferenz. Innenminister Thomas de Maizière (CDU) kündigt schärfere Gesetze zur Bekämpfung der organisierten Kriminalität an. So soll in Deutschland künftig analog zu Italien schon die bloße Mitgliedschaft in der Mafia strafbar sein. Auch wolle man die Abschöpfung kriminell erwirtschafteten Vermögens erleichtern.

Sprenger ist skeptisch. Zu sehr hat er noch die „Task Force“ vor Augen, die unmittelbar nach den Morden gebildet worden war, um die Zusammenarbeit der deutschen und italienischen Behörden zu erleichtern. „Selbst der Präsident des BKA ist nach Rom geflogen. Aber da wurde uns nur Sand in die Augen gestreut. Geändert hat sich nichts.“ Zwar hat man sich im Zuge der Ermittlungen ergänzt: Die Italiener sind Meister im Abhören, die Deutschen setzen auf DNA, Sachbeweise und die Kraft von Aussagen, auch wenn die beim Mafiagesetz des Schweigens an ihre Grenzen stößt. Aber der Datenaustausch war katastrophal und Rechtshilfeersuchen verliefen im Sande.

Den Schwierigkeiten zum Trotz: Im Sommer 2010 treffen sich noch mal alle Ermittler in Duisburg zum Feiern. Deutsche, Italiener, Holländer, BKA, LKA — 150 Leute vom Hausmeister bis zum Dolmetscher. Irgendwann am Abend steht auch NRW-Innenminister Ingo Wolf (FDP) im Raum. Unmittelbar nach den Morden hatte er von den Duisburgern wissen wollen, ob sie sich die Ermittlungen zutrauen. Jetzt lässt er sich alle Beteiligten und ihre Funktionen persönlich vorstellen. „Das war keine Showveranstaltung, sondern sehr kollegial“, erinnert sich Sprenger.

Fast zwei Jahre seines Berufslebens hat der Kriminalhauptkommissar allein der Aufklärung der Duisburger Mafiamorde gewidmet. Der Erfolg beweist aus seiner Sicht, dass der Staat in der Lage ist, konsequent zu reagieren. Angst vor Rache? „Das Friedensabkommen der Mafia macht mich auch in Bezug auf meine eigene Person sicher.“