Der Schüler, der seine Familie hinrichtete

Der Schüler, der seine Familie hinrichtete

Andy F. (19) hat seine Eltern und zwei Brüder im Schlaf erschossen.

Ajaccio. Das Unbegreifliche geschieht in der Nacht vom 12. auf den 13. August 2009 in einem Einfamilienhaus in dem Örtchen Albitreccia, etwa 30 Kilometer von der korsischen Hafenstadt Ajaccio entfernt.

Es ist drei Uhr früh, als der älteste Sohn Andy (16) wach wird. An die Wahnsinnstat, die er nun begeht, wird er sich später im Polizeiverhör nicht mehr erinnern. Der Schüler löscht seine gesamte Familie aus: seinen Vater Patrice, die Mutter Nadine, die beiden Zwillingsbrüder Liam und Duane (10) — im Schlaf hingerichtet mit einem Jagdgewehr.

Ein Blutbad ohne erkennbaren Anlass? Seit Anfang dieser Woche versucht die Jugendstrafkammer von Ajaccio, die Hintergründe zu erhellen. Andy F. sitzt in dem Schwurgerichtssaal in einem Kasten aus Panzerglas, davor seine Verteidiger.

Ein Heranwachsender mit kurzem Haar, markanten Wangenknochen und feinen Zügen. Ein Angeklagter, der in geborgenen Verhältnissen aufgewachsen ist und nie mit dem Gesetz in Konflikt gekommen ist.

Seine Großeltern sowie die Tanten und Onkel sind als Nebenkläger in den Justizpalast gekommen. Seit jener Nacht im August hat die Familie den Kontakt zu Andy abgebrochen. Beim Prozessauftakt bekommen sie ihn zum ersten Mal wieder zu sehen.

Andy mag Gewaltspiele auf dem Computer. Darin schlüpft er in die Helden-Rolle von Ego-Shootern und taucht ein in die Welt des Krieges. Hätte das stutzig machen sollen?

Oder dass er für den Film „Mr. Brooks“ schwärmt, der von einer gespaltenen Persönlichkeit handelt: tagsüber anständiger Bürger, nachts Serienkiller. Als fatal erweist sich im Nachhinein die Leichtsinnigkeit des Vaters im Umgang mit Waffen. Er war es, der seinem Ältesten beibrachte, wie die Jagdflinte zu bedienen ist.

Seine Verteidiger halten Andy für geistesgestört. „Ich hatte Lust zu schießen“, bekennt er zum Prozessauftakt. In der Haft hat sich Andy bislang von seiner besten Seite gezeigt. Im vergangenen Jahr hat er das Abitur gemacht, nun möchte er Zahnarzt werden. Der Schuldspruch — voraussichtlich lebenslänglich — wird an diesem Freitag erwartet.

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