Der männliche Schönheitswahn

Der männliche Schönheitswahn

Vor allem Akademiker legen sich für ein gutes Aussehen unters Messer.

Köln/Düsseldorf. Flacher Bauch, straffes Kinn, geliftete Augenpartie. Kaum einer der Herren gibt es zu, aber: Die Zahl der Schönheitsoperationen bei Männern steigt stetig. In Deutschland sind es vor allem Männer mit Abitur und Diplom, die sich unters Messer legen. Der diskrete Schnitt ins eigene Fleisch ist oft Teil eines lückenlosen Leistungsprogramms: Wer erfolgreich sein will, muss nicht nur gut sein, sondern auch gut aussehen. Glauben viele.

Die Männer werden unzufriedener mit ihrem Aussehen. In den USA, im Kernland des männlichen Selbstbewusstseins, sank die Rate der zufriedenen Männer innerhalb der letzten 35 Jahre auf deutlich unter 60 Prozent. In Deutschland gehört heute fast jede zweite neue Nase einem Mann, jedes dritte Stirn-Lifting wird bei Männern durchgeführt.

Der Schlagersänger Costa Cordalis ließ sich Eigenfett aus dem Po unter die Gesichtshaut spritzen, Schauspieler Uwe Ochsenknecht hat sich Tränensäcke und Schlupflider wegoperieren lassen. Auch Italiens Regierungschef Silvio Berlusconi soll sich vor einigen Jahren in einer Schweizer Klinik das Gesicht straffen lassen haben.

Doch nicht nur Promis und Millionäre legen sich unters Messer: Einer Umfrage zu Folge sind es in Deutschland vor allem die gut ausgebildeten Männer, die sich verschönern lassen. Rund zwei Drittel haben Abitur oder sogar einen Uni-Abschluss. Bei den weiblichen Schönheitspatienten dagegen überwiegen Haupt- und Realschulabschlüsse.

Rechnet man Botox-Spritzen mit ein, lassen Männer hierzulande pro Jahr rund 250000 Eingriffe machen. Fachleute schätzen, dass mittlerweile etwa jeder sechste Schönheitspatient ein Mann ist. Vor zehn Jahren sei es nur jeder zehnte gewesen, so Christian J. Gabka, Präsident der Vereinigung der Deutschen Ästhetisch-Plastischen Chirurgen (VDÄPC).

In Würde älter werden - das wollen heute viele nicht mehr: "Ein frischer, smarter Typ bekommt eben viel eher den Job als ein Mann mit Bauch, schütterem Haar und Doppelkinn", glaubt auch Branislav Matejic, Chefarzt an der Klinik für Plastische Chirurgie im Krankenhaus der Augustinerinnen in Köln. Matejic operiert Manager, Politiker, Journalisten, Sportler. "Die meisten kommen, weil sie den natürlichen Verfall bremsen wollen."

Zum Beispiel im Gesicht: Hans Hendricks, Plastischer Chirurg an einer Düsseldorfer Privatklinik, operiert immer häufiger Männer mit Schlupflidern. Die Hoffnung dahinter: Der Blick soll wieder offen sein, der ganze Mann nicht mehr so müde wirken. "Männer sind heute viel eher bereit, einen solchen Eingriff zu machen als früher." Den jungen Mann, der unbedingt aussehen wollte wie Sylvester Stallone, hat Hendricks dagegen nicht operiert. "Es gibt Männer, die haben ein gestörtes Verhältnis zu ihrem Körper."

Auch Michael Rohrbach, Chefarzt der Klinik für Plastische Chirurgie im Gelsenkirchener Bergmannsheil kennt Fälle, wo Durchschnittsmänner aussehen wollten wie Brad Pitt. "Das mache ich nicht. Das geht mir zu sehr in Richtung Michael Jackson."

Auch einen 38-Jährigen, der sein heftiges Übergewicht loswerden wollte und Rohrbach ein knackiges Bodybuilder-Foto auf den Tisch legte, hat der Chirurg nach Hause geschickt. "Aber ich weiß auch: Wenn er lange genug sucht, wird er jemanden finden, der das macht."

Schönheits-OPs gehören zu den Bereichen, in denen Ärzte auch heute noch viel Geld verdienen können. Eine Schlupflid-Korrektur kostet zwischen 1200 und 1500 Euro, ein straffes Kinn je nach Aufwand noch einmal so viel. Doch Wunschmedizin ist heikel. Wo endet der begründete Leidensdruck, wo beginnt die Wahrnehmungsstörung?

Segelohren zu operieren gehört mittlerweile zum verständlichen Bedürfnis - aber ist ein Doppelkinn tatsächlich Grund für eine Operation? Viele Ärzte sagen: Auch Wunschmedizin ist Heilkunde, ein Dritter sei eben nicht in der Lage zu entscheiden, worunter ein Patient leidet. Schätzungen zu Folge findet man bei jedem zehnten Patienten, der eine Schönheits-OP wünscht, eine Körperdysmorphobie - der Patient glaubt, entstellt zu sein.

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