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Der Graf im Interview: „Musik kann Trost spenden“

Der Graf im Interview: „Musik kann Trost spenden“

Der Sänger „Graf“ tritt bei der Gedenkfeier für die Loveparade-Opfer auf. Sein Song wurde für viele zur Hymne.

Düsseldorf. Der Frontmann der Band Unheilig will den Angehörigen der Loveparade-Opfer am Sonntag bei der Gedenkfeier zum Jahrestag der Katastrophe Trost spenden. Der „Graf“ tritt im Duisburger Stadion auf.

Herr Graf, Ihr Song „Geboren, um zu leben“ wurde nach der Loveparade-Katastrophe zu einer Art Trauerhymne. Eine Ehre, die Ihnen wohl lieber erspart geblieben wäre?

Bernd Heinrich Graf: Davon habe ich erst erfahren, als die Anfrage für die Trauerfeier kam. Ich war etwas verwundert. Ich habe gehört, dass sich die Angehörigen das Lied gewünscht haben, weil es eine Art Trost für sie war. Es ist natürlich schön, wenn man merkt, dass die Musik, die man macht, den Menschen Trost spendet.

Reißt man mit dem Lied nicht auch alte Wunden auf? Denn darin heißt es zum Beispiel: „Wir war’n geboren, um zu leben, (. . .) weil jeder von uns spürte, wie wertvoll Leben ist.“

Graf: Ich habe das Lied damals als Hommage an einen verstorbenen Freund geschrieben. Für mich war das Lied ein Nach-vorne-Schauen nach einer schweren Zeit. Wenn man das Lied hört, kommen wahrscheinlich bestimmte Emotionen und Bilder hoch. Aber man kann ja auch Trost spenden, wenn man sich mit dem Unglück überhaupt auseinandersetzt. Das ist wichtig für eine Trauerverarbeitung.

Dann ist es auch Ihr Wunsch für Ihren Auftritt in Duisburg, diese Trauerarbeit zu leisten?

Graf: Es ist wichtig, sich mit Trauer auseinanderzusetzen und nicht davor wegzulaufen. Daher halte ich auch die Gedenkfeier für die Angehörigen für wichtig. Es ist immer noch eine gewisse Ungewissheit da, weil nicht aufgeklärt ist, was genau und wieso es passiert ist.

Wo stehen wir denn Ihrer Meinung nach bei der Aufklärung?

Graf: Jeder versucht natürlich, seine Verantwortung ein bisschen wegzuschieben. Das ist nicht gerade aufbauend. Bei einem Unglücksfall ist es für die Angehörigen wichtig, alles zu wissen. Ich glaube, dass man da noch nicht richtig weit vorangekommen ist.

Und wenn es auch nur eine Entschuldigung gewesen wäre, wenn irgendjemand in Verantwortung tritt und sagt: „Wir haben da einen Fehler gemacht.“ Dann wäre es einfacher, mit der ganzen Geschichte umzugehen.

Der Duisburger Oberbürgermeister hat kürzlich öffentlich um Verzeihung gebeten. Glauben Sie, dass auch er erst eine Art Trauerarbeit durchlaufen musste, um sich zu diesem Schritt durchzuringen?

Graf: Ja, natürlich. Man kann von niemandem erwarten, dass er — nur weil er in einer solchen Position ist — sagt: „Ich bin schuld.“ Man muss das ja erst mal aufarbeiten und sich genau erkundigen, was da passiert ist.

Trotzdem: Es geht gar nicht darum, herauszufinden, wer schuld war. Es geht einfach darum, eine Art Mitgefühl schnell auszudrücken. Selbst wenn man nur zusammen weint: Es ist wichtig, dem anderen zu zeigen, dass man nicht alleine ist.

Und diese Art von Anteilnahme vermissen Sie?

Graf: Gerade in den Anfängen war niemand da — das glaube ich nach allem, was ich mitbekommen habe. Da stand mehr dieses ganze Chaos im Vordergrund.

Mit welchem Gefühl treten Sie bei der Trauerfeier vor die Angehörigen?

Graf: Dabei geht es einzig und allein um das Andenken der Verstorbenen und das Mitgefühl für die Angehörigen. Es ist für mich das allererste Mal, in einer solchen Situation aufzutreten. Ich denke, ich werde sehr aufgeregt sein.