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Coronavirus: Reporter sitzen auf Gran Canaria in Ausgangssperre fest

Urlaub im Notstand : Reporter sitzen auf Gran Canaria in der Ausgangssperre fest

Am Samstag war die Welt auf der Kanareninsel für unsere Reporter in ihrem Urlaub noch in Ordnung - am Sonntagmorgen wurden dann die Strände abgeriegelt, Restaurants geschlossen, Polizei patrouilliert durch die Straßen. Um das Coronavirus zu stoppen. Ein Kontakt zur Reiseleitung: Fehlanzeige.

Was bald auch in Deutschland zur Eindämmung der Coronavirus-Ausbreitung blühen könnte, erleben wir seit zwei Tagen auf der Ferieninsel Gran Canaria. Vielleicht war es naiv: Aber wir haben es nicht kommen sehen. Dass am Sonntagmorgen alle Aktivitäten abgesagt wurden, Polizisten die Aufgänge zum Strand des Urlaubsortes Playa del Inglés abriegelten, Restaurants und Cafés geschlossen blieben. Nationaler Notstand in Spanien. Landesweite Ausgangssperre. Also auch im Ferienparadies, das jetzt einem Gefängnis mit Sonneneinstrahlung gleicht.

Noch am Freitag und Samstag riet uns die Familie in NRW, den Urlaub doch einfach zu verlängern und mit den Kindern in Sicherheit auf den Kanaren zu bleiben. Immerhin: Zu Hause gab es da schon Tausende Infektionen. Auf Gran Canaria war die Zahl der Fälle zweistellig. Wir sind mit dem Mietwagen unterwegs, nächtigen in Apartments oder Fincas fernab des Touristenrummels. Keine Bettenburgen, keine überfüllten Speisesäle, keine Urlauberbusse. Wir fühlten uns deutlich sicherer als zu Hause, wo auf der Straße, im ÖPNV oder am Arbeitsplatz wohl eine deutlich größere Ansteckungsgefahr herrscht. Und angesichts geschlossener Kitas nebst Empfehlung, den Kontakt zu Oma und Opa zu meiden, ohnehin unklar wäre, wie der Alltag zu organisieren wäre. “Seid froh, dass ihr weit weg seid. Hier ist es nicht mehr schön”, sagte meine Mutter Samstag noch.

Bis dahin hatten wir von Coronavirus-Einschränkungen nicht viel mitbekommen. Nur zum Beispiel, dass die Fähren zwischen den Kanareninseln nicht mehr fahren. Oder dass der Karneval in Playa del Inglés abgesagt worden war. Wir waren zuvor drei Tage in den Bergen gewesen und hatten - ohne Internetverbindung - nicht viel Nachrichten aus der Welt verfolgt. Jetzt wollten wir mal Strand - und nahmen den Touri-Hotspot in Kauf. Unser Vermieter sagte uns bei der Ankunft im Apartment, wir hätten Glück, dass wir die Unterkunft mieten konnten. Eigentlich hätte sich ein Paar aus Madrid für die Karnevalsfeierlichkeiten eingebucht - doch es sagte ab. Juhu. Vorerst.

Foto: Juliane Kinast

Das war am Donnerstag vergangener Woche. Es folgten drei wunderbare Tage am Strand. Ungläubig standen wir vor der Vergnügungsmeile Anexo am Strand gleich vor den Dünen von Maspalomas, wo Mannschaftsfahrten und Junggesellinnenabschiede in der Sonne Cocktails kippten. Von Infektionsangst nicht die Spur.

Selbst als am Samstag verkündet wurde, Spanien wolle eine landesweite Ausgangssperre verhängen, konnten oder wollten wir es nicht recht glauben. Auf dem Festland, ja. Aber wir sind doch Hunderte Kilometer weit weg, die Fallzahl war vergleichsweise gering. Und würden die Kanaren wirklich das komplette öffentliche Leben lahmlegen wollen? Die Tausenden Touristen in ihren Hotels einsperren?

Sie wollten. Sie mussten. Noch am Samstagnachmittag verkaufte uns ein Tourvermittler einen Bootstrip zu den Delfinen vor der Küste für Sonntagfrüh. Zur Sicherheit rief er den Veranstalter an. Alles klar, kein Prolem. Wir standen also am kommenden Morgen am Treffpunkt, Wasser und Sandwiches im Gepäck. Doch als der Wagen hielt, stieg nur ein Mann aus und sagte: “Es tut mir leid, aber die Tour ist gecancelt. Alle Touren, für zwei Wochen.”

Also versprach ich den beiden Jungs als Ausgleich einen Tag am Strand. Der endete jäh, als wir am Fuß der Treppen von der Promenade aus angekommen waren und gerade die Schuhe ausziehen wollten. “Der Strand ist geschlossen, die Polizei jagt da vorne alle Menschen weg”, warnte uns eine Frau. Tatsächlich sah man in der Ferne an dem kilometerlangen Sandstrand Polizei-Jeeps Kreise ziehen von spazierendem Touristenpaar zu Touristenpaar. Kurz darauf postierten sich Polizisten auch an den Treppenaufgängen, noch einmal zwei Stunden später flatterte rot-weißes Plastikband bereits vor den Zugängen zur Promenade Paseo Costa Canaria.

Zurück in der Apartmentanlage - bis vor wenigen Jahren ein Quartier für Arbeiter in der Tourismusbranche, jetzt in Eigentumsferienwohnungen umgewandelt - waren dann schon die Durchsagen der Polizei zu hören, die mit Lautsprechern durch die Straßen fuhr und dazu aufforderte, in den Häusern zu bleiben. Wir hatten noch eine einigermaßen vergnügliche Stunde am Pool - bevor die Eigentümergemeinschaft schlüssigerweise entschied, auch diesen dicht zu machen. Seither spielen die Kinder vor der Terrasse zwischen den Palmen des Gartens, den es zum Glück gibt. Oder schauen durchaus mit Interesse den englischen Disney-Channel. Es ist nicht die Zeit für pädagogische Sprünge.

Foto: Juliane Kinast

Einziger Lichtblick: Zwei nahe gelegene Supermärkte dürfen noch öffnen, was dafür sorgt, dass man Wasser und Lebensmittel bekommt. Und Wasserpistolen sowie einen Ball. Und ja: auch Bier. Es ist immerhin Urlaub. Ein Rest davon. Und durch die Einkäufe begegnet man noch mal anderen Menschen. Ansonsten hat sich die Szenerie in Playa del Inglés in kürzester Zeit von Amüsierviertel zu Zombie-Apokalypse gewandelt. Auf den Straßen sind nur noch Menschen mit Einkaufstüten zu sehen. Und Urlauber mit Gepäck, die an der Bushaltestelle stehen. Die einfach nur weg wollen.

Das wollen wir ja prinzipiell auch. Aber nach zwei Tagen Anrufversuchen hat die offensichtlich rasch eingestellte Aushilfe an der überlasteten Eurowings-Hotline nur kundtun können, dass sie von angekündigten Sonderflügen zurück nach Deutschland nichts wisse. Wenig Vertrauen erweckend. Auf die Frage, ob es denn frühere reguläre Rückflüge gebe, wollte sie einen ab Palma anbieten - was im Gegensatz zu Las Palmas aber leider auf Mallorca liegt und somit eine komplette Inselgruppe weit weg, in einem anderen Meer.

Beim Reiseveranstalter Alltours verweist man auf Mailanfrage an die Reiseleitung vor Ort. Die existiert auch auf Umfrage in den Hotels rund um unsere Anlage nur in Form einer Telefonnummer. Laut meinem Anrufprotokoll habe ich diese inzwischen 70 Mal gewählt - dabei habe ich ein einziges Mal ein Freizeichen bekommen, abgehoben hat leider niemand.

Wie es weitergeht? Wir wissen es nicht. Wir hoffen, entweder doch noch einen früheren Rückflug zu bekommen. Oder eine Finca mit eigenem Pool, die die Ausgangssperre erträglich macht. Ob uns erlaubt ist, dorthin zu fahren - immerhin mit eigenem Wagen -, auch das wissen wir nicht. Wir hängen in der Luft. Aber wir sind zusammen und bislang gesund. Das ist vermutlich die Hauptsache in diesen verrückten und ein bisschen beängstigenden Tagen.