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Coronavirus: „Jeder kann sein Immunsystem scharf stellen“

Coronavirus : Arzt Kurt Mosette: „Jeder kann sein Immunsystem scharf stellen“

Der Arzt Kurt Mosetter empfiehlt in der Corona-Krise: Gesunde Ernährung, guter Schlaf, sportliche Aktivität und weniger Sünden sind wichtig.

Herr Mosetter, wann haben Sie zum ersten Mal bei den Meldungen zum Coronavirus gedacht, dass könnte jetzt für die Menschheit gefährlich werden?

Kurt Mosetter: Man wusste eigentlich mit der ersten Nachricht aus China, dass wir uns schnell um Menschen mit geschwächten Immunsystemen oder mit Immunsuppressionen kümmern mussten. Vor allem Menschen mit Schwachstellen sind dem Coronavirus ausgeliefert. In den meisten Fällen verläuft die Erkrankung ganz milde. Viele merken es gar nicht. Wie sich diese Krankheit beschleunigt, hat man auch als Mediziner sicher nicht geahnt. Wir müssen jetzt aufpassen, dass nicht in zu kurzer Zeit zu viele Menschen krank werden.

Händehygiene, Abstand halten – fällt  Ihnen noch mehr ein, als fünf Mal am Tag zu waschen?

Mosetter: Das würde ich unbedingt sagen! Was kann man denn eigentlich tun: Die eigene physiologische Körperabwehr auf Trab bringen. Die Evolution hat uns dazu einige Möglichkeiten mitgegeben, und dann kommen wir zum Lebensstil, wo jeder etwas tun kann, um sein Immunsystem gegenüber den Viren scharf zu stellen.

Sie plädieren dafür, den eigenen Körper als Schutzschild zu wappnen.

Mosetter: Auf jeden Fall. Unser Immunsystem hat verschiedene Aktionsspektren, mit denen es Viren bekämpfen kann. Um uns gegen Influenzaviren, zu denen auch Covid-19 gehört, zu schützen, müssen wir es stärken. Im Knochenmark werden die weißen Blutkörperchen gebildet, die sich als wichtige Fresszellen betätigen. Wir haben den Vitamin-D-Rezeptor, der in allen Zellen sitzt. Dazu kommen die T-Killerzellen, die eine direkte Abwehr gegen Viren bilden. Wir haben auch noch spezielle zelluläre Virus-Erkennungs-Bindestellen – „viral recognition“ –, welche direkte Immunhormone zum Abtöten von Viren ausstoßen können.

Das klingt sehr wissenschaftlich. Wenn Sie es vereinfachen: Was braucht es, damit diese tollen Bekämpfer des bösen Virus im Körper aktiv werden?

Mosetter: Die einen benötigen Omega-Drei-Fettsäuren, die anderen Aminosäuren – wenn da jemand einen Mangel hat, ist es eine Katastrophe. Und wir brauchen in dieser Jahreszeit genügend Vitamin D. Bei vielen ist dieser Spiegel aber zu niedrig, gerade jetzt, wo die Sonne so wenig scheint. Man kann den Vitamin-D-Spiegel einfach messen lassen – und wenn er niedrig ist, kann man mit Tröpfchen oder Tabletten nachhelfen. Das ist relativ günstig, leicht umsetzbar und wirkt recht schnell. Umso weniger Vitamin D, desto größer ist die Anfälligkeit für eine Influenza.

Wird das bei den Vereinen beherzigt?

Mosetter: Von den Fußballklubs, mit denen ich mich auseinandersetze, wird genau darauf geachtet, dass der Spiegel von Aminosäuren und Vitamin D perfekt ist, damit auch die Regeneration funktioniert. Dann schläft man übrigens auch gut. Ein guter Schlaf ist genauso wichtig: In der Nacht etabliert sich die Immunabwehr. Also: früh ins Bett, kein Blaulicht am Smartphone mehr am Abend, keine Sabotage mit Süßgetränken oder Alkohol am Abend. Die Dinge sind gar nicht so schwierig.

Und was sollen wir essen?

Mosetter: Die Ernährung ist unsere Medizin! Es gilt, viel Grünzeug, Gemüse und Obst zu essen, am besten frisch und regional zubereitet. Johannisbeeren, Himbeeren, Brombeeren oder Avocados helfen auch. Der Großteil der Immunabwehr wird aktiv aus dem Darm reguliert. Wer damit Probleme hat, sollte mit Ballaststoffen, Hülsenfrüchten, schwarzem Reis, Buchweizen, Kichererbsen oder Linsen nachhelfen. Wenn der Darm zu sehr belastet wird, etwa durch zu viel Zucker, Weißmehl und Fett, auch Fertiggerichte und Konserven, dann funktioniert die Maschinerie nicht, weil das System nur verzögert auf die Viren reagiert.

Dann könnte man also sagen: Wir öffnen die Stadien wieder, verkaufen dort Linsensuppe, Quinoa und Hirsebrei statt Cola, Bier und Bratwurst und alles wird wieder gut.

Mosetter: (lacht). Das ist eine Teilwahrheit. Umso mehr Menschen zusammentreffen, desto größer ist das Risiko, sich anzustecken. Aber noch mal: Man kann die Durchdringung mit dem Virus auch mit einer gesundheitsbewussten Lebensweise bekämpfen. Die meisten Menschen sind Träger des Herpes-Virus, aber nur wenige erkranken – und nur dann, wenn das Immunsystem in die Senke geht. Daher bekommen viele die Herpesbläschen nur im Winter, aber im Sommer seltener. Sonne und frische Luft sind wichtig für unser Wohlbefinden. Neben der Achtsamkeit appelliere ich an die Aktivität.

Also lieber selbst Sport treiben statt Sport auf dem Sofa im Fernsehen schauen?

Mosetter: Es ist tatsächlich so, dass uns zuerst Lehrer in Asien gesagt haben, dass die Muskeln unser größtes hormonproduzierendes Organ sind. Das wollten wir erst nicht wahrhaben. Am Anfang waren nur wenige der so genannten Myokine, die Muskelhormone, bekannt, jetzt sind es mehrere Tausend. Das sind Alleskönner, die ausgeschüttet werden, wenn ich trainiere. Sie stellen die Immunzellen scharf, sie transportieren die Antikörper an den Ort des Geschehens. Deshalb hilft Sport, deshalb hilft Training. Am besten unterschiedliche Arten. Die Effizienz ist groß, um unser Immunverhalten zu aktivieren. Sie brauchen aber Aminosäuren, deshalb ist ein Proteinshake vor und nach dem Sport gut.

Taugt der Fußball als Botschafter, was die Prävention angeht?

Mosetter: Nehmen wir nur Jürgen Klopp mit seiner Ernährungsberaterin Mona Nemmer, die sogar einen Spot gemacht haben, wie sich alle täglich einen Shot aus Ingwer, Grünzeug und Beeren genehmigen, um gesund zu bleiben. Und es wäre sicherlich sinnvoll, dass die Profis ihre Empfehlungen runter zu den Amateuren geben.

Erdet diese Corona-Krise auch den teils ungezügelt agierenden Profisport mit all seinen bisweilen kuriosen Auswüchsen?

Mosetter: Gerade einige junge Fußballstars sind dermaßen entglitten, dass sie kein gutes Beispiel  mehr abgeben. Wir brauchen wieder Botschafter für Normalität. Was passiert, wenn wir uns mit Fragen wie Lebensstil, Ernährung, Umgangskulturen, auch Eigenverantwortung auseinandersetzen müssen. Danach könnten wir über den Sport an die gesundheitlichen Probleme unserer Gesellschaft herankommen: Vier von zehn Kindern bis zur sechsten Klasse in Deutschland haben chronische Schmerzen, drei nehmen schon Medikamente, zwei sind stark übergewichtig. Vielleicht kann man im Anschluss an die Krise mit dem Sport gemeinsam darüber nachdenken, dass wir ein Jahr des Immunsystems und der gesundheitlichen Selbstfürsorge ins Leben rufen. Wir sollten wirklich alle mehr darüber nachdenken, wie man lebt, um gerade die nächste Generation für eine gesunde Lebensweise zu inspirieren.