Chorprojekt: Auch Dieter Bohlen mag die Rock-Rentner

Chorprojekt: Auch Dieter Bohlen mag die Rock-Rentner

Die Goldies singen Lieder von den Ärzten, Grönemeyer oder Xavier Naidoo. Alle Sänger sind um die 70 Jahre alt.

Geldern/Mönchengladbach. "Die stehen bestimmt schon alle vor der Tür. Wir sind immer die letzten", sagt Gesangslehrerin Rebecca Könen und lacht.

Und tatsächlich haben sich die Hobby-Sängerinnen und Sänger schon motiviert vor dem Probenraum eingefunden, um mit Rebecca Könen und Marcel Grothues Rock- und Pop-Lieder zu singen.

Das Besondere: Die Sänger sind alle um die 70 Jahre alt und schmettern mit Begeisterung Songs von den Ärzten, Wir sind Helden, Xavier Naidoo oder Herbert Grönemeyer.

An diesem Vormittag gibt es wieder ein bestimmendes Thema der Gespräche: den Auftritt in der RTL-Show "Das Supertalent". Dort haben die rockenden Rentner nicht nur das Publikum überzeugt, sondern auch die Jury um Musikproduzent Dieter Bohlen.

In Geldern und Umgebung sind "Die Goldies", so der Name des Chores, nun kleine Stars. Ob beim Arzt, auf der Straße oder an der Kasse bei Aldi - überall werden sie angesprochen und bewundert für ihr Hobby.

Vor einem Jahr hatte die Mönchengladbacher Gesangslehrerin Rebecca Könen die Idee zu diesem Projekt. "Ich hatte den Film ’Young at Heart’ gesehen und dachte: So was müssen wir auf Deutsch machen." Die Dokumentation (zu deutsch "Jung im Herzen") erzählt die Geschichte eines Chores in den USA mit Menschen über 60, die Lieder von James Brown singen und es damit zu Ruhm bringen.

Beim Leiter der Musikschule Plug & Play Geldern, Marcel Grothues, stieß Rebecca Könen auf offene Ohren. Könen und Grothues kündigten das Projekt in der Zeitung an. "Und dann hat man uns die Türe eingerannt", so Könen. Seitdem wird begeistert gesungen. Die meisten haben keine Gesangserfahrung, singen dennoch mit großer Ernsthaftigkeit. "Wir singen alles ohne Noten - wir können ja gar keine Noten lesen", sagt Karl Pasch (77).

Heute wird Mambo von Herbert Grönemeyer geprobt - gar nicht so einfach, denn Grönemeyer variiert gerne die Töne oder nuschelt. Das als Chor gleichzeitig umzusetzen, ist schwierig.

Den rund 30 Sängerinnen und Sängern ist wichtig, dass sie sich nicht verbiegen. Sie wollen, dass die Lieder zu ihnen passen. Da kam ihnen "Junge" von den Ärzten sehr recht. In dem Lied nörgeln Eltern am Sohnemann herum, der keine vernünftige Ausbildung macht, die falsche Musik hört und sich die Haare färbt.

Der Chor und auch der Auftritt im Fernsehen sind für die rockenden Rentner mehr als ein Hobby. Für sie ist es auch ein enormer Schub fürs Selbstbewusstsein. Eine Großmutter hat sich die Ärzte-CD bei den Enkeln ausgeliehen, um sich auf den Auftritt mit dem Song "Junge" vorzubereiten.

"Man hat eine ganz andere Lobby bei den Enkelkindern", sagt Uta Möhring (66) begeistert. "Wir sind jetzt wer. Wir brauchen uns nicht zu verstecken."

Nun werden die Goldies zur Viertelfinalshow in Köln eingeladen. Den Termin kennen sie noch nicht, und auch welches Lied sie dann singen, ist noch unklar. Schon den ersten Auftritt fand die 80-jährige Ingrid Fiebing "irre". "Echt geil", urteilt ein anderer Senior. Die Rock-Rentner nehmen kein Blatt vor den Mund - so, wenn sie mit Grönemeyer aus voller Kehle singen: "Die Sonne brennt, und im Auto ist’s heiß ein Hupkonzert wie von tausend Trompeten, ich will zu dir, nun steh’ ich hier, so’n Sch..."

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