Essen: Burger-Boykott: Weil Koch Trump-Fan ist

Essen : Burger-Boykott: Weil Koch Trump-Fan ist

Dem Lokal von Nicholas Smith (29) in Essen laufen die Gäste weg, nachdem er sich zum neuen US-Präsidenten bekannt hat.

Essen. In einem kleinen Burgerladen im Essener Stadtteil Rüttenscheid entlädt sich derzeit der geballte Ärger von Anti- Trump-Deutschland. Denn der 29 Jahre alte Besitzer Nicholas Smith, der vor fünf Jahren aus Kalifornien herzog, ist Fan des neuen US-Präsidenten — und hat das auch im Fernsehen gesagt. Seither steht er in den Sozialen Netzwerken unter Dauerbeschuss. Aber nicht nur er: Sein Lokal „Gringo’s“ heimst mit einem Mal nur noch miese Bewertungen ein, die Gäste bleiben weg. Smith befürchtet nun, dass er schließen muss.

Die Wand des kleinen Ecklokals an der Cäsarstraße ist mit Graffiti bemalt — helle Sandstrände, gelbrote Sonnenuntergänge, Palmen. Zwei selbst gezimmerte Holzbänke stehen vor der Tür. Seit anderthalb Jahren ist das „Gringo’s“ Nicholas Smith’ großes Abenteuer. Der junge Mann war ursprünglich nach Deutschland gekommen, um sein Schuldeutsch aufzumöbeln. Dann bekam er einen Job als Englischlehrer und blieb einfach. Als er seinem Opa sagte, er wolle eigentlich ein Burgerrestaurant eröffnen, sprang der spontan als Investor ein. „Meine ganze Familie geht immer zu einem mexikanischen Restaurant in der Nähe — dort wurde ich trainiert“, berichtet der 29-Jährige.

Mexikanisch. Ausgerechnet. Für die Trump-Hasser unter seinen Kunden ist es ein gefundenes Fressen, dass Smith Küche aus jenem Land anbietet, dass „sein“ Präsident mit einer Mauer von den USA abschneiden möchte. Für den jungen Amerikaner selbst überhaupt kein Widerspruch. Er sei doch schließlich nicht gegen Mexikaner. „Ich habe Mexikaner in der Familie.“ Aber gegen illegale Einwanderung sei er eben doch. Smith differenziert: „Trump ist nicht perfekt. Ich unterstütze nicht alles, was er gesagt und getan hat. Aber er ist eine intelligente Person.“

Es ist die Einseitigkeit, das Nichtzulassen einer anderen Haltung, die ihn in der aktuellen Stimmungslage stört. Er ist das Kind eines leidenschaftlichen Demokraten und einer ebenso leidenschaftlichen Republikanerin. Für ihn gehörte es seit jeher zum Leben, sich über Politik die Köpfe heißzureden. Ein Kindheitsfreund ist überzeugter Linksliberaler und Fan von Hillary Clinton. Immer hätten sie die Meinung des anderen respektiert, berichtet Nicholas Smith. Jetzt spricht der Freund nicht mehr mit ihm. „Das finde ich lächerlich. Es wäre doch blöd, wenn jeder die gleiche Meinung hätte.“

Dass ein großer Teil der Deutschen das derzeit anders sieht, hat Smith ziemlich schnell gemerkt, als er in einer TV-Talkshow als einziger der geladenen jungen Amerikaner pro Trump in die Bütt gegangen war. Seine Burger wurden im Internet von Menschen verrissen, die definitiv nicht im Laden gewesen waren. Die Kommentarfunktion seiner Facebookseite musste er irgendwann ausstellen.

Inzwischen hat er eine persönliche Seite erstellt, damit die Leute ihn selbst mit Dreck bewerfen können statt sein „Gringo’s“ — „das klappt aber nur teilweise“. Selbst einen Freund aus Essen hat er diese Woche bei Facebook aus der Freundesliste gelöscht, weil dieser online über die Qualität von Smiths Burgern lästerte. „Der war Stammkunde. Er macht das nur, um mir wehzutun.“ Und das Wehtun gelingt den Schmähern — besonders wenn sie den Amerikaner als Nazi und homophob beschimpfen. „Und ich bin schwul!“, sagt er hilflos lachend und zuckt mit den Schultern.

Noch vor einigen Monaten arbeitete Nicholas Smith meist mit zwei Aushilfen im „Gringo’s“. Jetzt ist er fast immer allein. Es ist nicht mehr genug zu tun. Noch vor einigen Tagen fürchtete er, bald schließen und mittellos in sein Heimatland zurückkehren zu müssen. „Aber in den letzten Tagen gab es sehr, sehr viel Unterstützung“, sagt er. Auch jede Menge Jobangebote. Von Menschen, die seine politische Meinung zwar nicht unbedingt teilen, aber gut finden, dass er den Mut hat, sich gegen den Meinungs-Mainstream zu stellen. „Jetzt sieht es so aus, als wäre es möglich, dass ich bleibe. Vielleicht in einer anderen Stadt.“ Ohne das „Gringo’s“. „Es war ein Abenteuer. Wenn der Laden schließt, werde ich ein neues Abenteuer haben“, sagt der 29-Jährige hoffnungsfroh. „So oder so habe ich dabei gewonnen.“ Und zu seinen Prinzipien gestanden. Das sei ihm das Wichtigste.

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