Lukaskrankenhaus in Neus: Botox wird mittlerweile nicht nur für Schönheits-OPs genutzt

Lukaskrankenhaus in Neus: Botox wird mittlerweile nicht nur für Schönheits-OPs genutzt

Das Nervengift hilft, um die Bauchwand nach einem Narbenbruch wieder zu verschließen. Das Neusser Lukaskrankenhaus ist Vorreiter.

Neuss. Die Faltenbehandlung mit Botox ist populär. Doch mit dem Neurotoxin wird nicht nur die Haut gestrafft, Botox ist mittlerweile für 27 medizinische Indikationen zugelassen. Das Team um Dr. Bernhard Lammers und Nicholas Bohnert vom Lukaskrankenhaus in Neuss setzt den Wirkstoff jetzt in der Behandlung von Riesen-Hernien ein — und stößt damit auf internationales Interesse.

Operationsnähte sollten halten und gut verheilen. Tun sie das nicht, treten nach einem größeren Eingriff in der Narbe Brüche auf. Sie stellen keine seltene Komplikation dar, zirka zehn bis 20 Prozent aller Patienten mit großen Bauchschnitten erleiden einen Narbenbruch — oft verursacht durch schwaches Bindegewebe. Die entstandene Narbe kann dem Druck im Bauchraum nicht mehr Stand halten. Im schlimmsten Fall werden innere Organe wie Darmschlingen eingeklemmt oder rutschen aus der Bauchwand nach außen. Eine eingeklemmte Hernie ist immer ein Notfall und muss sofort operiert werden. Bei sehr großen Brüchen über zehn Zentimeter ist es allerdings nur schwer möglich, die Bauchdecke wieder spannungsfrei zu verschließen, da die Muskulatur auseinanderweicht und die Haut immer dünner wird.

Das städtische Lukaskrankenhaus gehört zu den ersten Kliniken in Deutschland, die bei einer Hernien-OP Patienten mit Botox vorbehandeln. Das lässt viele Betroffene hoffen, dass an der operierten Stelle nicht wieder eine neue Hernie entsteht. In Neuss wurden bisher 14 Patienten mit dem innovativen Verfahren erfolgreich behandelt.

Zwei bis vier Wochen vor einer geplanten Operation wird ultraschallgesteuert an den Seiten Botox injiziert. Dadurch erschlafft die Bauchdecke so sehr, dass der Operateur während des Eingriffs den Darm zurückschieben kann und ein Verschluss wieder möglich ist. Nach einigen Monaten ist der Botox-Effekt verschwunden. „Der Bruch ist verheilt und die Bauchspannung kehrt zurück“, erklärt Nicholas Bohnert, der sich auf die Hernienchirurgie spezialisiert hat.

Ergänzt wird der Eingriff mit einem Kunststoffnetz. Auch beim Botox-Verfahren kommen diese großporigen Kunststoffnetze zum Einsatz. Sie werden von innen verankert, stabilisieren die Bauchdecke und verwachsen später. „Schon in den 70er und 80er Jahren kamen bei diesen OPs Silberdrahtnetze zum Einsatz. Im Zweiten Weltkrieg behalf man sich bei schweren Bauchwunden der Soldaten mit Moskitonetzen“, sagt Bohnert.

Erst kürzlich hat der 42-jährige Mediziner die Methode auf einem Europa-Kongress in Wien vorgestellt. Zahlreiche Anfragen deuten auf reges Interesse hin, eine Einladung zu einem US-Kongress folgte. Bohnert selbst ist durch einen Kollegen aus Mexiko auf das neue Verfahren gestoßen. Jetzt hofft er auf eine klinische Studie. Am Neusser Lukaskrankenhaus werden pro Jahr etwa 150 Narbenbrüche operiert, nur in individuellen Fällen wird bislang zuvor Botox injiziert. Der Stoff wird an drei Stellen pro Seite in die verschiedenen Muskelschichten der Bauchwand gespritzt. „Es gibt keine Nebenwirkungen. Die Langzeitergebnisse können sich sehen lassen“, sagt der Chirurg. Und auch schon während des Eingriffs sehen die Operateure erste Erfolge. Durch das Botox bleibt der seitliche Zug aus und der Defekt wird oft schon kleiner. „Die Muskelentspannung verhindert, dass der Muskel kontrahiert“, erklärt Bohnert. Lässt die Botox-Wirkung nach, kräftigt sich der Muskel wieder von alleine.

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