Flüchtlinge: Blauer Daumen verspricht freie Mitfahrt

Flüchtlinge : Blauer Daumen verspricht freie Mitfahrt

Per Button zeigen VRR-Nutzer, dass sie Flüchtlinge auf ihrem Ticket mitnehmen. Theoretisch gilt das auch für andere Bedürftige.

Essen. Wer dieser Tage in Essen, Bochum oder Duisburg am Bahnhof steht, kann an vielen Jacken blaue Buttons endecken, die einen Daumen zeigen. Die sind nicht etwa Facebook-Fan-Artikel, sondern zeigen an, wer auf seinem Ticket jemanden mitnehmen kann und will. Die Aktion „Flüchtlinge mitnehmen“ nutzt ein Extra vieler Tickets im Verkehrsverbund Rhein-Ruhr (VRR), zu dem auch Düsseldorf und Wuppertal gehören. Die Besitzer der Studententickets und anderer Dauerkarten können wochentags nach 19 Uhr und ganztägig am Wochenende sowie an Feiertagen kostenfrei eine Person auf ihrem Ticket mitfahren lassen.

Eine Studentin aus Essen hatte die Idee zu der Aktion, die sie zusammen mit der Youngcaritas umgesetzt hat, einem Projekt der Caritas im Bistum Ruhr, das junge Menschen bei ihrem sozialen Engagement unterstützt. Eine ähnliche Aktion gab es zuvor in Düsseldorf. 2009 wurde dort der rote Punkt der Aktion „Freifahrt“ eingeführt. 2012 wurde eine solche Aktion auch in Wuppertal gestartet. Damals ging es noch nicht um Flüchtlinge, sondern um die kostenlose Nutzung der öffentlichen Verkehrsmittel durch sozial schwache Menschen.

Für die wie für die Flüchtlinge gibt es heute das Sozialticket des VRR. Es kostet aktuell 30,90 Euro. Stefan Kühn, Sozialdezernent der Stadt Wuppertal, sieht in dem Preis für das Ticket den Knackpunkt. Denn sowohl Asylbewerber als auch Leistungsempfänger nach StGB II bekämen weniger Geld für Mobilität zugedacht als das Ticket kostet. „Das ist die Schwachstelle des Tickets“, sagt er.

In dem aktuellen Fall wird die Hilfe nur für Flüchtlinge beworben, aber nicht auf sie reduziert. „Mitgenommen werden kann jeder“, sagt die Projektleiterin der Youngcaritas, Sarah Scholl. Beworben wird die Aktion derzeit in Flüchtlingsunterkünften. Einen Button tragen und jemanden mitnehmen sei eine einfache Art, sich zu engagieren, sagt Scholl. „Das ist etwas, was jeder machen kann. Warum soll man das nicht nutzen?“

Zudem fordere die Aktion auch die Flüchtlinge — oder andere Mitfahrer — auf, zu kommunizieren. Der Button ist nur das Erkennungszeichen. Wer mitfahren wolle, müsse schon den Träger des Daumens ansprechen und sich verständlich machen, sagt Scholl.

Damit die Flüchtlinge das Zeichen überhaupt verstehen, gehen Helfer in die Flüchtlingsunterkünfte, um das Prinzip zu erklären. 14 Freiwillige sind bei einem Workshop der Caritas darauf vorbereitet worden. „Sie bekommen einen Handzettel, wie sie Kontakt in den Heimen aufnehmen können, den Rest machen sie selbst“, erklärt Scholl.

Die Aktion kommt gut an. Der VRR findet die Aktion ok, so lange das im Rahmen der Bestimmungen passiert. Die Bochum-Gelsenkirchener Straßenbahn AG, Bogestra, bewirbt die Aktion auf ihrer Homepage. Auch die Stadtwerke Wuppertal würden so eine Aktion in Wuppertal unterstützen, wenn es sie gäbe, sagt ein Sprecher.

Nachdem die Caritas bereits 500 Buttons hergestellt hatte, hat der AStA der Universität Duisburg-Essen nochmals 8000 Buttons auf eigene Rechnung bestellt. Damit sind 13 000 in Umlauf. Ob auch alle genutzt werden, lässt sich nicht kontrollieren.

In Düsseldorf, sagt die Flüchtlingsbeauftragte Miriam Koch, höre sie öfter in den Flüchtlingsunterkünften, wie über Fahrten mit dem ÖPNV geredet würde. Die Jugendlichen bekämen durch eine Vereinbarung mit der Rheinbahn ein kostenfreies Schülerticket. Für die Erwachsenen gebe es das Sozialticket. Generell würden die Flüchtlinge durch Fahrrad-Sammelaktionen mobil gemacht.

Kühn aus Wuppertal begrüßt die Initiative generell, sieht aber die Gefahr, dadurch Asylbewerber gegen andere sozial Schwache auszuspielen. Diese zu integrieren wäre aber kein Problem. Das Angebot ist ja da. Es bräuchte nur die Bereitschaft der Helfer — und einen Button.

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