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Bestatter Fritz Roth: „Der Tod ist Lebensmotivation“

Bestatter Fritz Roth: „Der Tod ist Lebensmotivation“

Deutschlands bekanntester Bestattungsunternehmer Fritz Roth spricht über den Krebs, das Sterben und Friedhöfe.

Bergisch Gladbach. Fritz Roth ist der wohl berühmteste und innovativste Bestatter Deutschlands. Er hat in Bergisch Gladbach den ersten privaten Friedhof in Deutschland gegründet, die Gärten der Bestattung.

Bei „Pütz-Roth“ können Menschen ganz individuell beerdigt werden — auf Wunsch auch „mit einem Gartenzwerg“. Nun hat der 63-Jährige selbst mit einer lebensbedrohlichen Krankheit zu kämpfen — seine Lebergeschwüre gelten als nicht mehr operierbar.

Aus Anlass des Allerheiligentages, an dem viele Menschen die Gräber ihrer Angehörigen besuchen, sprachen wir mit Fritz Roth über den Tod, seine Krankheit und Friedhöfe.

Herr Roth, der Tod begleitet Sie seit 25 Jahren. Jetzt haben Sie die Diagnose Leberkrebs erhalten. Hat das Ihre Sicht verändert?

Fritz Roth: Ich nehme jeden Tag an, wie er ist. Meine Arbeit hat mir geholfen, meine Situation anzunehmen. Dass ich so krank bin, ist keiner Schuld, erst recht nicht der liebe Gott.

Das klingt sehr stark. . .

Roth: Ich weiß nicht, ob ich stark bin. Meine Zeit steht fest. Vergangene Woche sind weitere Tumore in meiner Lunge festgestellt worden. Ich bin zwar müde, aber ich kann alles aktiv erleben.

Haben Sie Ihr Leben nach der Diagnose verändert?

Roth: Ich widme mich nur noch meiner Arbeit und meinem Studium der Spiritualität. Ich habe noch viele Pläne. Denn das Leben ist aufregend. Und ich kann Dinge wie eine Reise an die Seidenstraße in Angriff nehmen, weil meine Familie mich unterstützt: Mein Sohn und meine Tochter arbeiten mit im Bestattungsunternehmen. Und meine Tochter bekommt zum Jahresende wohl einen Sohn. Das Leben geht also weiter.

Und doch machen Sie sich Gedanken über das Sterben und fordern, dass man „sterben dürfen“ soll. Was heißt das?

Roth: Eins ist mir wichtig: Ich lasse mir nicht vorschreiben, wie ich sterbe. Es ist schlimm, dass wir aktive und passive Sterbehilfe unterscheiden. Sollte ich meinem Leben selbst ein Ende setzen, möchte ich alle Menschen, die ich liebe, dabeihaben — ohne dass sie sich strafbar machen.

Planen Sie Ihre Beerdigung?

Roth: Ich möchte von Menschen beerdigt werden, die mich kennen. Ich bleibe in meinem Friedhof, deshalb wird es eine Feuerbestattung. Und eines wird es nicht geben: einen Senkautomaten. Diese Dinger, die den Sarg runterlassen, sind ein Unding. Sie sind ein Zeichen, dass wir auf Distanz zu dem Tod gehen. Alles andere entscheiden die Angehörigen, schließlich erlebe ich die Beerdigung ja nicht mehr. Aber es soll eine Lebensfeier werden.

Gibt es viel zu häufig Trauerfeiern nach einem Standard-Schema?

Roth: Eine Beerdigung darf keine Entsorgung des Menschen werden. Wir haben schließlich für jedes Fußballspiel 90 Minuten Zeit, da darf auch eine Beerdigung zwei Stunden dauern.

Distanzieren wir uns denn noch zu sehr von dem Thema Tod?

Roth: Sterben ist nicht mehr so ein Tabu wie noch vor Jahren. Die ARD macht im November sogar ihre Themenwoche zum Tod. Es kommt langsam in die Gesellschaft, aber noch zu zögerlich.

Wie zeigt sich die Distanz zum Thema Tod denn beispielsweise?

Roth: Die Tradition der Grabbeigabe ist etwa verlorengegangen. Wenn alle Kulturen das so gemacht hätten wie wir, wären viele Museen heute leer. Warum baut man nicht einen Sarg selbst oder bemalt ihn? Er ist eine Schatztruhe.

Warum ist es so wichtig, dass der Tod Thema in der Gesellschaft ist?

Roth: Der Tod ist die größte Lebensmotivation. Wenn ich nicht weiß, was der Tod ist, kann ich das Leben nicht schätzen. Dann ist der Mensch orientierungslos und lässt sich leicht verleiten.

Meist sehen Angehörige den Toten kaum oder nur kurz. . .

Roth: Ja, dabei ist Abschied nehmen wichtig, auch physisch. Es ist eine Unsitte, dass Tote präpariert und geschminkt werden. Manch einer sieht tot besser aus als zu Lebzeiten. Da fällt es den Angehörigen noch schwerer, jemanden zu beerdigen.

Sie haben einen eigenen Friedhof. Was stört Sie besonders an „normalen“ Friedhöfen?

Roth: In einem deutschen Friedhof steht am Eingang ein Schild, auf dem steht, was alles verboten ist. Das ist signifikant. Wir brauchen Träumer. Denn man muss Ideen umsetzen. In der reglementierten Gesellschaft kann man tolle Ideen haben — dann nennen einem andere zehn Gründe, warum das nicht geht. Ein Friedhof soll Zeugnis geben von den Menschen, die es gab. Er ist ein Platz des Nichtvergessens. Und das Wichtigste ist, dass der Name dort steht. Ich finde es furchtbar, dass immer mehr Menschen anonym bestattet werden.

Was wünschen Sie sich?

Roth: Menschen sollten eine eigene Meinung zum Sterben haben. Bei uns gibt es zu viele Experten: Die Friedhofsverwaltung, Ärzte, Pfleger und den Gesetzgeber. Ich fordere deshalb: Der Tod muss zurück in die Hände der Trauernden. Jeder Mensch hat die dafür nötige Trauerpower.

Warum ist Ihnen das so wichtig?

Roth: Trauer setzt eine Beziehung voraus, Trauer ist Liebe. Und sie braucht Zeit. Aber wir normieren alles. Wenn wir so weitermachen, normieren wir die Liebe. Die Menschen, bei denen ein Angehöriger stirbt, werden bestohlen. Nach 36 Stunden wird der Tote abgeholt. Man sollte ihn aber ohne Zeitdruck zu Hause haben können und so lange Abschied nehmen, wie nötig.

Und Sie machen das möglich?

Roth: Der Tod ist der beste Lehrmeister zum Ungehorsam. (lacht) Ich halte mich nicht an die Regeln. Aber ich habe noch keine Strafe von einem Richter bekommen.