Bergische Diakonie: Behinderte in Kessel gesteckt

Bergische Diakonie: Behinderte in Kessel gesteckt

Bizarre Küchen-Taufe in Pflegeeinrichtung hat keine personellen Konsequenzen.

Wülfrath. Die Bilder sind wackelig. Der Ton scheppernd. Ein fünf Minuten und 51 Sekunden langer Film, offenbar mit der Handykamera aufgenommen. Zu sehen sind zwei in weiß gekleidete Personen. Sie zerren. Sie schieben. Sie drängen eine junge behinderte Frau zu einem überdimensionalen Kochtopf in einer Großküche. Die Frau schreit, kreischt, wehrt sich. "Nein. Aua" Mit Mühe wird sie in den rechteckigen, mit etwas Wasser gefüllten Kessel gehoben.

Irgendwo lachen und glucksen Leute, die an dieser bizarren Szene ihre Freude haben. Später wird die Frau mit Sahne eingesprüht und mit Spülmittel eingeseift. Nach drei, vier Minuten wirkt die Situation entspannter. Die Frau schreit nicht mehr. Mehrere Personen - Männer und Frauen sind zu erkennen - helfen ihr aus dem Kessel heraus. Ereignet hat sich dieser Vorfall bereits Anfang 2007 in der Küche der Bergischen Diakonie Aprath (BDA). Drei Fotos und der Film wurden jetzt unserer Zeitung anonym zugespielt.

Die Bergische Diakonie bestätigt den Vorfall zu Lasten einer behinderten Beschäftigten. "Das Verhalten war einer Führungskraft nicht würdig." So kommentiert Pfarrer Peter Iwand, Geschäftsführer der BDA, die Vorkommnisse in der Großküche der hundertprozentigen Tochter Managed Care Service (MCS). Der Küchenchef habe diesen Vorfall nicht zulassen dürfen. "Das soll so eine Art Küchen-Taufe gewesen sein", sagt Iwand.

Diesen "vermeintlichen Spaß" hat niemand in der Küche - es ist von sechs oder sieben Beobachtern die Rede - unterbunden. "Wir als Geschäftsführung wussten nichts, sind erst Monate danach informiert worden", so der BDA-Chef. Weder der "Einzelfall", noch das anschließende Schweigen seien zu rechtfertigen.

"Die ganze Sache ist schockierend, menschenunwürdig und ist für uns als Diakonie schädlich", weiß Iwand um die Außenwirkung "einer wirklich unappetitlichen Angelegenheit". Personelle Konsequenzen wurden keine gezogen. Iwand: "Das ist nicht justiziabel. Außerdem hatte die junge Frau eingewilligt." Eingewilligt? Die Videobilder lassen einen anderen Eindruck zu. Die Frau wehrt sich, sagt mehrfach laut und deutlich "Nein".

Die BDA mit Sitz in Wülfrath ist seit mehr als 125 Jahren als evangelisch-diakonischer Träger in der Wohlfahrtspflege tätig. Schwer erziehbare Jugendliche, psychisch kranke und seelisch behinderte Kinder gehören zur Klientel, wie auch Senioren, die die ganze Bandbreite der Angebote einer zeitgemäßen Altenhilfe antreffen können. Die Bergische Diakonie genießt einen guten Ruf.

"Wir erbringen unsere Dienste für unsere Mitmenschen in christlicher Verantwortung und Nächstenliebe", heißt es im Leitbild. Die Erfahrungen des Dritten Reiches würden die BDA lehren, "kompromisslos für Schutz und Unversehrtheit des Lebens einzutreten".

Ein Arbeitgeber eben, der sich als Dienstleister nah am Menschen und für den Menschen sieht. Da will die Frau im Kochkessel so gar nicht passen. Verständlich, dass Iwand in dem Geschehenen "kein öffentliches Interesse" erkennen kann. Außerdem, "ist für uns das Verfahren seit einem Jahr abgeschlossen". Die junge Frau habe schließlich keine Anzeige erstattet. "Sie arbeitet immer noch in der Küche", sagt Iwand.

Alle arbeitsrechtlichen Möglichkeiten sollen ausgeschöpft worden sein. Entlassungen seien nicht möglich gewesen - auch weil "die junge, leicht behinderte Frau ihre Einwilligung für den sicher unangebrachten Scherz gegeben hatte". Norbert Vogt, Bereichsleiter Personalwesen, skizziert, dass nach Bekanntwerden der Bilder und des Films "mit allen Beteiligten unabhängig voneinander gesprochen wurde und Protokolle angefertigt wurden".

Dieser Fall sei zudem zum Anlass genommen worden, ein Regelwerk zu erstellen, eine neue Arbeitsordnung, eine Art Knigge. "Außerdem gab es umfangreiche Schulungen bezüglich des Gleichbehandlungsgesetzes", so Vogt. Diese Maßnahmen sollen gefruchtet haben. "Höflich und zuvorkommend", so beschreiben Iwand und Vogt das heutige Küchen-Klima.

"Ein Spaß für alle Beteiligten." So hatten laut Iwand Mitarbeiter der Großküche noch im Frühjahr 2007 die "Kessel-Affäre" bewertet. "Ein viel zu derber Spaß", sagt dazu Gottfried Paul-Roemer vom Wuppertaler Sozialrechtsverein "handicap e.V.", der sich für Belange behinderter Menschen einsetzt. Er ist "entsetzt" beim Anblick des Films. Er erkennt "zweifelsfrei massive Gewalt", mit der die behinderte Frau gegen ihren Willen in den Kochtopf gesetzt wird. Das sei klar ein Übergriff.

Selbst wenn es sich um eine Art Taufe gehandelt haben sollte, "muss man immer berücksichtigen, dass Nicht-Behinderte und Behinderte unterschiedlich reagieren." Für ihn steht fest, dass der Vorgang "im Zweifel strafrechtlich relevant ist".

www.bergische-diakonie.de

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